Auf Bildung bauen

Im Gespräch mit Julia Leusmann und Friederike Jörke
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Waldgestalter

Es ist Ende Februar, der Himmel grau und die Temperatur kalt, als wir uns mit Stadtförster Dirk Schäfer auf eine Radtour durch den Stadtwald begeben. Schäfer ist seit sieben Jahren Leiter der Revierförsterei Rothehof und damit in erster Linie verantwortlich für den Stadtforst Wolfsburg.  
Text: Anna Deileke   Foto: Ali Altschaffel

Eine umgekippte Weide im Hasselbachtal – ganz bewusst wird der Baum nicht entfernt, sondern der Natur überlassen

 
Wir radeln am Stemmelteich vorbei Richtung Tommy-Quelle und Arboretum, entlang der Rothehofer Trift und wandern zu einer über 200 Jahre alten Lärche abseits der Hauptwege. Wir entdecken den noch warmen Schlafplatz eines Rehs, bestaunen eine riesige, alte, umgestürzte Weide, in der einmal Hornissen hausten, und blicken in die Weite der grünen und nassen Wiesen im Hasselbachtal. Immer wieder halten wir an und saugen die vielen interessanten Informationen von Dirk Schäfer förmlich auf.

Wolfsburg ist eine der grünsten Großstädte der Republik. Rund 6.200 Hektar, also rund 30 Prozent der Gesamtfläche des Stadtgebietes, sind Grün-, Wald- und Wasserflächen sowie Moor und Heide. Der Stadtforst ist vor allem Erholungsgebiet für die Menschen in der Region. Schäfers wichtigste Aufgabe ist, den Wald den Menschen zugänglich zu machen: Wege und Bänke in gepflegtem Zustand zu erhalten, Grillplätze zu verwalten, wo nötig einen Ausblick freizuschneiden und vielerlei Maßnahmen zu ergreifen, den Wald schön und ansprechend zu gestalten. „Mein Team besteht aus acht Mitarbeitern und wir betrachten uns als Waldgestalter“, schmunzelt Schäfer.

Im Wald begegnen sich auf schmalen und breiten Wegen Spaziergänger, Hundeführer, Jogger, Radfahrer, Reiter, Jäger und Förster – ein nicht immer leichtes Miteinander, so Schäfer: „Wenn wir mit unseren Forstwagen den Wald passieren, ernten wir oft böse Blicke, weil sich der Waldbesucher gestört fühlt. Dabei machen wir nur unsere Arbeit.“

»Wald hat Zeit! 180, 200 oder noch mehr Jahre stehen viele Bäume an ihrem Platz.«

Der Stadtforst ist ein Mischwald aus Laub- und Nadelbäumen. Wer wissen will, welche Bäume hier stehen, sollte an der Pforte des Arboretums nicht vorbeigehen. Nahe dem Rabenberg haben die Förster ein Stück Wald eingezäunt: Hier lernt man die Waldbäume kennen und unterscheiden. „Wald hat Zeit!“, so Schäfer, „180, 200 oder noch mehr Jahre stehen viele Bäume an ihrem Platz.“ Wenn wir manchen Weg tagein tagaus begehen, merken wir gar nicht recht, wie sich der Wald verändert. Mit Märzenbecher und vielerlei Orchideen finden nicht nur seltene, sondern teilweise auch ausgesprochen prächtig und schön anzusehende Pflanzen ihren Platz. Dies gilt auch für seltene Insekten- und Vogelarten, die allerdings oft nur schwer zu beobachten sind. Reh, Wildschwein, Fuchs und Hase sagen sich gute Nacht. Und selbst der Rothirsch zieht hier zuweilen des Nachts seine Fährte.

In der Nähe des Barnstorfer Weges mit dem Hinweis „Erlengrund“ lohnt es sich in den Wald zu blicken: Hier fällt eine besonders wellige Struktur im Waldboden auf. Dabei handelt es sich um Gartenbeete einer alten Siedlung namens Swekendorp. Das Gartenland wurde schon vor 500 Jahren aufgegeben. Dass dieses Zeugnis einer frühen Besiedlung heute noch sichtbar ist, haben wir dem Wald zu verdanken, der unter seinem Kronendach und Wurzelwerk viele Schätze verbirgt und schützt. Ein weiteres Phänomen, das sich uns auftut, sind die vielen Quellen und Brunnen: Der Wald hält im lehmigen Boden Regenwasser zurück, filtert es und mancherorts laden Quellen im Wald zum Trinken des frischen Wassers ein. Seit 1980 bietet die Stadtforst gemeinsam mit der LSW regelmäßige Brunnen- und Quellwanderungen an.

Nach knapp zwei Stunden im Fahrradsattel können wir diese Tour nur empfehlen. Also Jacke an, Stiefel schnüren und los! Vielleicht begegnen Sie ja Herrn Schäfer, dem Waldgestalter, bei der Arbeit.

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› 35. Brunnen- und Quellenwanderung durch das Hasselbachtal
31.05.2015, 10.00 Uhr. Start: Parkplatz am VW-Bad.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.  

www.wolfsburg.de