Lichter in der Stadt

Im Gespräch mit Stefan Krieger, dem neuen Leiter
des Geschäftsbereichs Kultur zum Artikel

Wenn Eltern sich trennen

Text: Anna Deileke
Foto: Ali Altschaffel

Es war einmal ein Vater, eine Mutter und ein Kind: Papa berufstätig, Mama Hausfrau und beide Eltern eines gemeinsamen Schulkindes. Papa geht früh aus dem Haus, das Kind ist in der Schule und Mama kümmert sich am Vormittag um die Wäsche und den Einkauf. Pünktlich zum Schulschluss gibt es für das Kind eine warme Mahlzeit. Nach den Hausaufgaben geht es zum Sport und gegen Abend wird zu Hause das Zimmer aufgeräumt. Papa kommt heim und es gibt Abendbrot. Es ist schon spät. Papa liegt auf dem Sofa, Mama räumt die Küche auf und das Kind huscht ins Bett. Vorher noch ein Küsschen von Mama und eine Umarmung von Papa.

Sozialpädagoge Maik Kaspar berät bei Problemen in der Familie


Etwas überzeichnet beschreibt dieses Modell die klassische Rollenverteilung in einer Familie. Ausnahmen bestätigen die Regel: Tatsächlich ist es so, dass nach wie vor Mütter mehr Zeit mit den Kindern und im Haushalt verbringen als Väter. Sicherlich gibt es im Rahmen von Ganztagsschulen oder anderen Betreuungskonzepten heute Mütter, die ebenfalls arbeiten. Auch gibt es Fälle, in denen Väter das Modell aufbrechen und mehr Zeit mit Kind und Hausarbeit verbringen; Elternzeit und flexible Arbeitszeitmodelle machen es möglich.

Dennoch gibt es nach wie vor viele Väter, die den Alltag ihres Kindes aufgrund des oben beschriebenen Rollenverständnisses verpassen. In manchen Fällen führt dies zu Konflikten bei der Erziehung, zu Identitätsproblemen bei den Kindern und zu Unzufriedenheit beider Elternteile. Kinder brauchen Vater und Mutter, die Bedeutung der Geschlechter wird oft unterschätzt. Wenn Eltern in einer „guten“ Partnerschaft kooperieren, ist dieses Gleichgewicht der Sozialisierung meist gegeben. Problematisch wird es, wenn Eltern sich streiten und trennen. Dann beginnen die Probleme: Wer nimmt das Kind, wer zieht aus und wie werden die Besitztümer verteilt? Das Rollenverständnis ist oft klassisch: Papa zahlt, zieht aus, das Kind wohnt in der Woche bei Mama und am Wochenende lädt Papa zum Ausflug ein. Jetzt kommen Gefühle ins Spiel: Trauer, Wut, Unverständnis und die Frage nach dem Warum. Kinder geraten oft in einen Loyalitätskonflikt, der in verschiedene Verhaltensweisen mündet.

Ein Patentrezept gibt es für niemanden. Jede Geschichte ist individuell, aber die Fragen sind oft ähnlich. „Sprechen hilft immer!“, sagt Maik Kaspar. „Ich höre erstmal zu. Wer zu mir kommt, hat ein Anliegen.“ Maik Kaspar ist Ende vierzig, Sozialpädagoge, Familientherapeut und seit fünf Jahren in der Erziehungsberatung der Stadt Wolfsburg tätig. Er wirbt dafür, dass auch Väter zu ihm kommen sollen. „Der Anteil von Männern, die uns aufsuchen, liegt bei geschätzt 15 Prozent. Es wird mehr, das spüren wir.“ Kaspar geht es in erster Linie immer um die Kinder: „Wir rechnen in Kindern, das sind in Wolfsburg ca. 800 im Jahr, davon 70 Prozent Trennungskinder. In unserer täglichen Arbeit beziehen wir eine neutrale Stellung und versuchen den Ursachen von Gefühlen auf den Grund zu gehen.“ Entscheidungen oder Anordnungen treffe er nicht, dies sei allein Aufgabe der Eltern.

Eltern und Kinder haben laut Sozialgesetzbuch ein Recht auf Beratung durch die Kinder- und Jugendhilfe, deshalb ist diese kostenlos, egal über welchen Zeitraum. Es gibt Einzeltermine, aber auch Gruppengespräche. Die Verteilung der Geschlechter in der Beratungsstelle ist paritätisch besetzt, sprich der Anteil von helfenden oder beratenden Männern und Frauen ist im Gleichgewicht. Maik Kaspar ist einer von sechs Ansprechpartnern für Mütter, Väter, Kinder und Jugendliche. Er moderiert auch die monatlichen Gruppentreffen. Hier tauschen sich zehn Männer zu Erziehungsfragen aus. Es geht um alltäglich Themen wie Job, Familie, Schule, Pubertät, Liebe und Mannsein. „Ich möchte die Erziehungslust wecken. Als Vater weiß ich die Zeit, die ich mit dem Kind verbringen darf, zu schätzen und als Pädagoge kenne ich den Mehrwert, den ein Kind in der Entwicklung bekommt.“