Der eigenwillige
Herr Schneider

Ein Gespräch mit Christian Schneider, dessen Vater eine der größten 35mm-Filmsammlungen in deutscher Sprache zusammengetragen hat zum Artikel

JAZZ FÜR KENNER UND NEUGIERIGE

Text: Marc Halupczok
Foto: Ali Altschaffel

Zum Stadtjubiläum jazzt es im Schloss drei Tage lang. Dr. Birgit Schneider-Bönninger vom Geschäftsbereich Kultur und der künstlerische Leiter Wolfgang Beuermann über das Jazzfestival „JazzCastle“, das die Gemäuer des Schlosses im Juni erklingen lassen wird.

Dr. Birgit Schneider-Bönninger und Wolfgang Beuermann über den Brückenschlag zwischen Mainstream und Kunst, Identität und Zukunft

 
Nur die älteren Leser werden sich erinnern, dass Wolfsburg in den 70er-Jahren einmal so etwas wie eine Jazz-Hochburg war. Das 1974 erstmals veranstaltete Jazz- und Folklorefestival am Schloss gilt als Vorreiter für diverse Veranstaltungen dieser Art. Nach einigen erfolgreichen Durchläufen wurde das Festival eingestellt, und jetzt, pünktlich zum 75-jährigen Jubiläum der Stadt Wolfsburg, mit frischen Ideen wieder an den Start gebracht.

Dabei basiert die Geburt des neuen Festivals „JazzCastle – Jazz in Motion“ auf einem Zufall. „Wolfgang Beuermann ist begeisterter Konzertgänger und muss für Jazz-Festivals immer sehr weit fahren. Irgendwann fragte ich ihn, warum wir das nicht einfach in Wolfsburg machen“, erzählt Birgit Schneider-Bönninger lachend. Mit dem Schloss ist schnell eine in mehrerer Hinsicht passende und geschichtsträchtige Location gefunden. „Das Ambiente ist einfach einmalig, es wird hoffentlich eine Symbiose zwischen dem historischen Ort und der zeitgenössischen Musik entstehen“, erklärt Wolfgang Beuermann. „Klar ist Jazz eine anspruchsvolle Musik, eine Musik, die offene Ohren erfordert. Hat man sich aber erstmal darauf eingelassen, lädt sie auch zum Entspannen ein. Kommunikation und Begegnung zwischen Besuchern und Musikern in einem angenehmen Ambiente ist uns ebenfalls sehr wichtig.“ Zum Beispiel wird es sogenannte Session Nights geben, bei denen Besucher und Künstler nach dem offiziellen Programm im Gewölbekeller zusammen jammen können. „Wir haben schon die Zusage diverser Musiker, die dabei sein möchten. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.“

»Jazz ist eine Musik,
die offene Ohren erfordert.«

An den drei Tagen, an denen der musikalische Schwerpunkt auf dem Piano liegt, werden die Besucher insgesamt 75 nationale und internationale Solokünstler in 19 Bands auf zwei Bühnen erleben können. Eine steht im Schlossinnenhof, die andere im Schlosspark. Die Konzerte finden jeweils zeitlich versetzt statt, so dass Besucher in den Genuss aller Gigs kommen können. Dabei hoffen die Veranstalter natürlich auf gutes Wetter, auch wenn beide Zuschauerplätze überdacht sind. „Alle Räumlichkeiten sollen so offen wie möglich sein, damit die Musik das ganze Schloss durchströmen kann“, so Beuermann. Und die hat internationales Niveau, schließlich haben diverse Jazz-Größen ihr Kommen bestätigt. Unter anderem werden Jazzanova gemeinsam mit dem Soul- und Funk-Sänger Paul Randolph auftreten. Das Tingvall Trio, mehrfacher Echo-Gewinner, ist ebenso dabei wie Viktoria Tolstoy, die Donny McCaslin Group oder der Wolfsburger Nico Finke mit seiner Band Bad Surprise. Beim Auftritt der Nighthawks am Samstagabend soll das Schloss zudem illuminiert werden, um die Besonderheit der Spielstätte besonders hervorzuheben. Außerdem wird bei den Night Acts die Bestuhlung entfernt – nicht nur, damit mehr Fans Platz finden, auch darf das Tanzbein geschwungen werden! Wer anschließend immer noch Puste hat, kann sich in der Dunkelbar des Kunstvereins vom DJ-Set der bekannten britischen Radiomoderatorin Paris Cesvette in andere Sphären katapultieren lassen.

Absoluter Höhepunkt ist ein Memorial-Konzert, das Samstag um Mitternacht beginnt: Unter der Schirmherrschaft des schwedischen Botschafters Staffan Carlsson wird der schwedische Ausnahmepianist Esbjörn Svensson geehrt, der an diesem Datum auf den Tag genau vor fünf Jahren im Alter von 44 Jahren bei einem Tauchunfall ums Leben kam. Der Schwede galt als einer der einflussreichsten Musiker der Jahrtausendwende. „Es wird etwas ganz Besonderes,“ sagt Beuermann.

Das Organisationsteam legt aber auch großen Wert darauf, dass Neueinsteiger Zugang zum Jazz finden. So wird es am Samstag und Sonntag jeweils eine Matinee mit freiem Eintritt geben. Sonntag wird im Antoniensaal zweimal eine Jazzwerkstatt angeboten. Das Jörg Seidel Trio erklärt die Geschichte des Jazz anhand diverser live gespielter Tonbeispiele. Diese Veranstaltung ist für alle Schulen in Wolfsburg offen. Außerdem wird es an Merchandise-Ständen CDs und Literatur zum Thema geben. Das Jugendamt der Stadt Wolfsburg ist mit dem Spielmobil und Betreuern vor Ort, damit interessierte Eltern die Auftritte in Ruhe genießen können. Und natürlich wird auch für das leibliche Wohl gesorgt. „Jazz ist absolut mainstream-tauglich“, meint Beuermann. „Wir hoffen, viele Leute begeistern zu können, damit das Festival von nun an jedes Jahr stattfinden kann.“