Lesen und lesen lassen

Ein Gespräch über den
Literaturkreis Wolfsburg zum Artikel

Märchenstunde

Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen, Rotkäppchen, Schneewittchen, Frau Holle, Rapunzel – wer kennt sie nicht, die Märchen, die uns unsere Eltern früher vorm Einschlafen vorgelesen  haben? Karin Burbulla lässt zu jedem Einzelnen Bilder in unseren Köpfen lebendig werden.
Text: Anna Deileke   Foto: Ali Altschaffel

Karin Burbulla lässt durch ihre Stimme Bilder in den Köpfen der Zuhörer entstehen

 
Jede Hexe, jeder Wolf und jede Prinzessin sind einmalig in unserer Gedankenwelt. Umso enttäuschter sind wir, wenn wir Filme schauen oder Bilder sehen, in denen die Märchenfigur nicht so aussieht wie in unserer Vorstellung. „Das ist das Besondere am Erzählen. Mit Worten forme ich Bilder in den Köpfen meiner Zuhörer, ohne welche zu zeigen“, sagt Karin Burbulla. Sie ist ausgebildete Märchenerzählerin und hat 2015 den ersten Wolfsburger Märchentag ins Leben gerufen. „Nur mit Worten ziehe ich mein Publikum in den Bann. Gestik, Mimik und Betonung helfen mir dabei. Die Erwachsenen stellen sich immer vor, ich komme verkleidet, mit einem Buch in der Hand und lese daraus vor. So ist das aber nicht. Ich spreche frei, ohne Skript und Hilfsmittel.“

»Nur mit Worten ziehe ich mein Publikum
in den Bann.«

Die Wolfsburgerin arbeitet ehrenamtlich für die Pastor-Bammel-Stiftung des Diakonischen Werkes in Wolfsburg und ist in deren Auftrag als Märchenerzählerin unterwegs. Dabei besucht sie nicht nur Kinder in sozialen Einrichtungen, sondern auch Menschen im Alten- und Pflegeheim. „Dort werde ich regelmäßig Zeuge von Aha-Erlebnissen. Die Menschen reagieren auf mich und das, was ich erzähle. Studien belegen, dass besonders Demenzkranke mit Hilfe von Märchen gefestigt werden und die Demenz langsamer voranschreitet“, so Burbulla. Die Stiftung hat ihr 2014 die Ausbildung zur Märchenerzählerin ermöglicht und unterstützt sie bei ihren Projekten. Mit 12 weiteren Teilnehmerinnen erlernte sie ein Jahr lang unter der Anleitung von Erzählkünstlerin Jana Raile die Kunst des Erzählens.

Alles fing damit an, als Karin Burbullas Enkelkind in den Kindergarten kam. Damals übernahm sie dort den Job als Lesepatin und las regelmäßig Geschichten vor. Schnell merkte Burbulla, dass sie die Kinder mit ihren Geschichten und ihrer Art einfangen und unterhalten konnte. „Das rief ein tolles Gefühl in mir hervor und war fortan mein Motivator. Ich habe mich immer mehr mit dem Thema Erzählen auseinandergesetzt und festgestellt, dass es viele professionelle Märchenerzähler und zahlreiche Bücher dazu gibt.“

„Es gibt so viele Märchen wie es Sterne gibt, nämlich unzählige“. Jedes Land auf dieser Welt hat seine eigenen. In vielen Märchen gibt es Figuren, die böse oder gemein sind. Die werden zum Schluss bestraft und am Ende geht immer alles gut aus. „Mein Lieblingsmärchen heißt ‚Die Bienenkönigin‘ und ist aus der Sammlung der Gebrüder Grimm“, erzählt Karin Burbulla.

Sie hofft, dass das Märchen in Wolfsburg ein kleines Revival erlebt und stärker gewürdigt wird. In ihrer Vision soll es zukünftig Märchentage geben, Erzählnächte und vielleicht ein kleines Festival. Dabei will sie nicht nur Kinder unterhalten, sondern auch Erwachsene. „Ich stecke noch in den Anfängen und bin erst seit diesem Jahr aktiver unterwegs.“ Beim Luftsprünge Festival am Schillerteich konnte Burbulla bereits beim jungen Zielpublikum punkten. Dort hat sie die Kinder gleich zweimal am Tag ins Märchenland entführt.

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› Herbstrauschen – Geschichten lauschen
01. November um 16.00 Uhr
Märchen für Erwachsene mit Karin Burbulla und Elisabeth Molder-Beetz

Wichernsaal im Emmaus-Heim
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38446 Wolfsburg