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Ein Gespräch mit dem Wolfsburger Tätowierer
Oliver Fiedler zum Artikel

GESCHICKT GESTRICKT

Text: Nikolaus Hausser
Foto: Ali Altschaffel

In einer einzigen Einstellung bewegt sich die Kamera durch die Stadt, scheinbar wie von Geisterhand gelenkt. Geschickt choreografiert tauchen verschiedene Gruppen und einzelne Darsteller auf und singen und tanzen zu einem bekannten Hit. Es wird ein Lip Dub-Film zu Ehren des 75. Geburtstags von Wolfsburg gedreht.

Benjamin Quabeck und Melanie Berke freuen sich über die Offenheit und den Enthusiasmus der Wolfsburger

 
Ein Lip Dub-Film ist eine sehr spezielle Form eines Musikclips. Die Darsteller singen lippensynchron, als sängen sie den Song. Das ganze Video ist ungeschnitten, also ohne Pause gedreht. Die Kamera ist ständig in Bewegung und immer neue Akteure und Gruppen kommen ins Bild. Die lange und sicherlich spektakuläre Kamerafahrt wird am Schloss beginnen und über das Stadion am Allerpark entlang führen. Hunderte, vielleicht sogar Tausende Wolfsburger werden Anfang September dabei sein wollen, wenn der Film im doppelten Wortsinne abgedreht wird – als Zuschauer und als Darsteller. Dieser Tag wird ein Happening, ein Riesenspaß – und enorm aufwändig, da ist sich Organisatorin Sabine Rahn vom Geschäftsbereich Kultur sicher. Die Idee für einen Lip Dub-Film für Wolfsburg entwickelte Thomas Helmke, Pressereferent des Klinikums der Stadt Wolfsburg. Im Rahmen des Jubiläumsjahres wurde diese Idee aufgegriffen und von Birgit Schneider-Bönninger zusammen mit Sabine Rahn angeschoben. Gemeinsam mit der Produktionsfirma Zero One und dem Regisseur Benjamin Quabeck wird der kühne Plan in die Tat umsetzt.

Benjamin Quabeck, der aus Wuppertal stammt und heute in Berlin lebt, ist vielleicht nur Cineasten und Kennern ein Begriff. Wenn man sich seine Vita anschaut, ist jedoch schnell klar, dass hier ein Profi am Werke sein wird. Quabeck hat unter anderem 2001 mit Daniel Brühl und Jessica Schwarz „Nichts bereuen“ gedreht und mit Christian Ulmen, Tom Schilling und Robert Stadlober den wunderbaren Film „Verschwende deine Jugend“. Der Regisseur ist vielfach mit Festival- und Förderpreisen bedacht worden, hat daneben viele Musikvideos für Bands wie Virginia Jetzt! und Karpatenhund gedreht und inszenierte zudem zahlreiche Werbespots, unter anderem für Bono von U2 und auch für die Autostadt. „Ganz so groß wie für VW, als wir um die ganze Welt gejettet sind, wird es natürlich nicht werden,“ lacht er: „Aber ich freue mich auf die besonderen Aufgabe.“ Und fügt hinzu: „Mich reizen die Probleme an so einem Projekt, denn es ist enorm schwierig und aufwändig, so viele Menschen zu organisieren und das in einer einzigen Kameraeinstellung.“ Er lächelt breit und erfreut sich offenkundig an der Aufgabe, die er zusammen mit Melanie Berke von der Produktionsfirma Zero One aus Berlin gestalten möchte. So entdecken sie gerade die Stadt und ihre Menschen und sind beglückt von der Offenheit der Bewohner und deren Enthusiasmus.

Augenblicklich wird an vielen Stellen in der Stadt für den Film geprobt und geübt. Die einzelnen Choreografien und Aktionen müssen in jeder einzelnen Einheit genau passen. Anfang September ist es soweit. „Wir können uns kaum vor Anfragen retten, das hat uns total überrascht. Wir sind aber trotzdem für spannende Ideen noch offen, denn am Ende wollen wir ja zeigen, wie toll Wolfsburg ist“, sagt Sabine Rahn. So möchte der Reislinger Strickclub mit seinem „Guerilla Knitting“ ganze Baumstämme bestricken, die Polizei, die Fachhochschule oder die Deutsch-Mexikanische Gesellschaft e.V., sie alle haben sich etwas ganz besonderes für den Film überlegt. Über 100 Gruppen und Akteure aus Wolfsburg werden dabei sein, wenn die Kamera beginnt zu filmen. Dann müssen alle auf ihren Posten sein, bis hin zur Feuerwehr Wendschott, die einen riesigen Feuerball mit einer Fettexplosion erzeugen will – spektakulär wird es also auch. Quabeck sagt: „Die Kunst ist, die einzelnen Aktionen so gelungen zu verbinden, dass ein Fluss entsteht und dass der Zuschauer den Film von vorne bis hinten anschauen möchte.“ In Wolfsburg hat der Berliner Regisseur auch genau hingeschaut und festgestellt, dass es hier mehr gibt als nur Volkswagen. „Am Bahnhof habe ich letztens einen Mann am Bahnsteig gesehen, der mir bekannt vorkam. Bei genauem Hinsehen habe ich dann festgestellt, dass es Benno Führmann war. Er hat mir erzählt, dass er seit seinem Dreh von Petzolds „Wolfsburg“ Freunde in der Stadt hat. Vielleicht geht es mir ja auch so.“

Weitere Informationen finden Sie unter
www.wolfsburg.de/wob75