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Ein Gespräch über den
Literaturkreis Wolfsburg zum Artikel

Freiheitsraum und Bilderfabrik

Ein Totenschädel mit Clownsnase. Ein Fußball, über und über bedeckt mit Brustwarzen. Ameisen, die wie Aktivisten Flaggen und Friedenszeichen umhertragen. Che Guevara aus Suppenbohnen, Freud aus Schokoladenguss: Die Ausstellung „Dark Mirror“ im Kunstmuseum zeigt Kunst aus Lateinamerika seit 1968 und wird zum dunklen Spiegel der Realität.
Text: Ralf Beil

Vik Muniz, Clownschädel, 1989-1990, Gipsplastik, 21 x 13 x 19,5 cm, Daros Latinamerica Collection, Zürich, Foto: Peter Schälchli, Zürich, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

 
Mit der Ausstellung „Dark Mirror. Lateinamerikanische Kunst seit 1968“ ermöglicht das Kunstmuseum Wolfsburg einen ebenso umfassenden wie dezidierten Blick auf die zeitgenössische Kunst Mittel- und Südamerikas. Aus den reichen Beständen der Daros Latinamerica Collection in Zürich wurden 175 Arbeiten aller Gattungen ausgewählt – Installationen, Objekte, Gemälde, Fotografien, Papier- und Videoarbeiten. Werke von 41 Künstlerinnen und Künstlern aus zehn Ländern von Argentinien über Costa Rica und Kuba bis Uruguay zeigen einen bildstarken Spannungsbogen: Von Vik Muniz’ „Clownschädel“ zu Miguel Ángel Ríos’ Videoinstallation „A Morir“, einem Tanz auf Leben und Tod, der mit der Lakonie des frühen Jorge Luis Borges – „Zum Sterben braucht es nicht mehr, als dass einer lebt“ – die menschliche Existenz fokussiert.

Amerika, das sind nicht nur die USA, son­dern auch Mittel- und Südamerika. Genau um diesen zweiten, nicht weniger bedeutsamen Teil des (Kunst-)Kontinents geht es den Kuratoren der Ausstellung. In unserer ökonomisch und medial globalisierten Welt der Waren- und Datenströme gibt es keine Unschuld des Nichtwissens mehr, und dennoch liegt Lateinamerika immer noch allzu wenig im Blickfeld Europas. Das Kunstmuseum wird deshalb mit „Dark Mirror“ explizit zum Ort künstlerischer Analyse und krea­tiver Erkenntnis dieses Kontinents, nicht selten gewürzt mit Ironie, (Sprach-)Witz und schwarzem Humor, gespeist aus einer der wohl größten und wichtigsten Sammlungen der Kunst Lateinamerikas weltweit.

Der Titel „Dark Mirror“ bezieht sich auf die Geschichte und Gegenwart Lateinamerikas. Es geht um nachhaltige Spiegelblicke, die das ernste Spiel von Eigen- und Fremdwahrnehmung sichtbar machen. So steht Coca-Cola, das Getränk der GIs und der Wirtschaftswunderjahre, in Europa historisch vor allem für Freiheit und konsum­orientierten Aufschwung. In Lateinamerika wird es gesellschaftspolitisch auch als Symbol einer ökonomischen Fremdherrschaft, der überwältigenden, alle Lebensbereiche bestimmenden Einflussnahme der USA gelesen. So macht Antonio Caros lackierte Metalltafel, auf der „Colombia“ in der unverwechselbaren Coca-Cola-Schrift weiß auf rot erscheint, den größten Verbündeten der USA in Südamerika geradewegs zur amerikanischen Marke.

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› Dark Mirror. Lateinamerikanische Kunst seit 1968
27. September 2015 bis 31. Januar 2016
› Jeppe Hein. This Way
15. September bis 28. März 2016
› Erwin Wurm. Fichte
bis 13. September 2015


Weitere Informationen finden Sie unter
www.kunstmuseum-wolfsburg.de