Vielfalt leben

Ein Gespräch mit Sylvia Cultus, Leiterin
des Integrationsreferates zum Artikel

Mit Wasser, Klang und Atem

Ein unsichtbares Labyrinth, Wände, aus denen plötzlich ein Wasserstrahl hervorbricht und wieder verschwindet, eine dampfende Sitzbank und 3.253 tagebuchartige Aquarelle: Das Kunstmuseum Wolfsburg präsentiert die bisher größte Ausstellung des jungen Künstlerstars Jeppe Hein.
Text: Christiane Heuwinkel, Uta Ruhkamp   Foto: Marek Kruszewski

Jeppe Hein

 
Wo geht es lang? Rechts, links oder geradeaus? Diese Entscheidung nimmt uns Jeppe Hein (*1974 in Kopenhagen) nicht ab. In seiner Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg stellt er sich bewusst der gängigen Ausstellungspraxis entgegen, indem er die große Ausstellungshalle in ein Labyrinth aus großen, kleinen, drei-, vier- oder vieleckigen Räumen, engen und breiten Wegen, Sackgassen, Kreuzungen und Plätzen verwandelt. Jeder Besucher hat die Freiheit, sich seinen eigenen, individuellen Weg durch die Ausstellung zu suchen.

„This Way“ thematisiert die äußeren und inneren Wege, die jeder Mensch zurücklegt: kurze, lange, gerade, kurvige, steile, gefährliche und wunderschöne, eben „Lebenswege“.

Während einige Werke Jeppe Heins selbst kleine Strecken zurücklegen, versetzen andere Arbeiten den Besucher in Bewegung. Eine „sichere Bank“? Die finden wir bei Jeppe Hein nicht. Seine Bänke machen sich selbständig oder sie lassen – ganz wörtlich – „Dampf ab“.

Konsequenterweise gibt es keinen „richtigen“ Weg durch die Ausstellung, keinen empfohlenen Parcours, sondern mehrere Eingänge, schmale und breite Wege, Sackgassen und sogar einen duftenden Tunnel. Es gibt Wege, die zum Verständnis der Kunstwerke führen, Wege durch die Kunstgeschichte, wenn sich assoziativ Vergleiche aufdrängen, emotionale Wege, wenn es darum geht, sich zu entscheiden und sich auf die Kunstwerke einzulassen, soziale Wege, wenn man mit anderen Besuchern den Dialog aufnimmt, oder Reflexions- und Erkenntniswege, wenn man die Fragen, die Jeppe Hein sich stellt, annimmt und für sich selbst zu beantworten versucht.

Einen besonderen Weg, der meist versperrt bleibt, öffnet Jeppe Hein ganz bewusst: den Weg zum Künstler selbst. Denn nachdem beim Künstler im Dezember 2009 ein Burnout diagnostiziert wurde, hat sein persönlicher Weg eine neue Richtung genommen. Die 3.253 Aquarelle, die das Ausstellungslabyrinth umsäumen, sind Stimmungsskizzen, Sinnbilder, Gefühle, Botschaften, Hilferufe, visualisierte Atemübungen, Farbstrudel – eine berührend ehrliche, innere Landkarte Jeppe Heins.

Heute prägen Meditation, Aufmerksamkeits- und Atemübungen sowie Yoga seinen Alltag und haben Einfluss auf seine Kunst genommen. Jeppe Hein zeigt erstmals die eigens für diese Ausstellung entstandene Arbeit „Chakra Enlightenment“, die wie eine große Spirale im Zentrum der Halle hängt. Seine Auseinandersetzung mit dem Buddhismus und Hinduismus hat ihn erkennen lassen, worum es im Leben geht, nämlich „right here right now“ zu sein: „Mir geht es um Entschleunigung, ein Lachen, Augenkontakt und darum, im Moment zu sein und diesen zu genießen.“.

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› Jeppe Hein. This Way
15. November bis 13. März 2016
› Dark Mirror
27. September 2015 bis 31. Januar 2016


Weitere Informationen finden Sie unter
www.kunstmuseum-wolfsburg.de