Das zweitbeste Glück

Gespräch mit Klaus Allofs zum Artikel

Wildkräuter pflücken

Text: Annette Siemer
Foto: Ali Altschaffel

Kulturelles Wüstenland ist woanders. Keine Frage, die Kulturinstitutionen der Stadt bieten viel und Gutes. Trotzdem fehlt etwas, sagen Axel Bosse und Sandra Straube. Die Stimmung einer Stadt – eine lebendige, kontrastreiche lokale Kunst- und Kulturszene – lasse sich jedoch nicht durch die Kulturinstitutionen implementieren. Bosse, Mitglied der Grünen, und Straube, Ratsfrau der freien Wählergemeinschaft PUG, kämpfen für größere Freiräume der Off-Kultur.

Axel Bosse und Sandra Straube im Gespräch mit dem freischwimmer im Alvar-Aalto-Kulturhaus

 
Warum kommt das Thema Off-Kultur gerade jetzt auf die Agenda?
Axel Bosse (AB): Als der Kulturentwicklungsplan erarbeitet wurde, gab es dazu einen großen Workshop im Congress-Park mit rund 200 Teilnehmern. Eines der Ziele, die dort formuliert wurden, war: Mehr kulturelle Experimente wagen. So wurde das Thema mit aufgenommen. Sandra Straube und ich sind Mitglied im Beirat für den Kulturentwicklungsplan, in dem auch die Kulturinstitutionen vertreten sind.

»Die kulturellen Veranstaltungen sind oft Hochglanzprodukte.«

Wer in Wolfsburg Lust auf Kultur hat, der weiß oft nicht, wohin er zuerst gehen soll. Was fehlt also?
 AB: Wir sind ja froh, dass sich die Stadt ein Kulturprogramm leistet, das für mehrere Städte reicht, aber Geld allein tut der Kreativität nicht gut. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist wie zu Magath-Zeiten beim Fußball. Da glaubte man, dass man Erfolg kaufen kann.
Sandra Straube (SS): Die kulturellen Veranstaltungen sind oft Hochglanzprodukte. Wolfsburg neigt dazu, nur die Rosen zu pflücken, aber es könnten doch auch mal Wiesenkräuter sein. Erst eine lebendige Subkultur macht eine Stadt doch wirklich attraktiv. Wir sollten deshalb selbstorganisierte Kulturorte zulassen, damit auch von unten etwas wächst. Kleine Anläufe, die unternommen wurden, erfuhren von Seiten der Verwaltung bisher immer sehr viel Gegenwind.

Wo sehen Sie denn diese selbst organisierten Kulturorte?
AB: Man hätte zum Beispiel auf dem Gelände von Naturstein Billen etwas machen können. Da hieß es gleich wieder: Nein, wir müssen erst ein paar Millionen reinstecken. Aber das untergräbt ja gerade unsere Idee. Leerstehende Gebäude werden relativ schnell abgerissen, wie etwa das alte Arbeitsamt, das man für eine begrenzte Zeit hätte freien Gruppen zur Verfügung stellen können.
SS: Das gilt auch für den Theaterpavillon vor dem Rathaus. Wir wollten dort Off-Räume zur Verfügung stellen. Aber seitens der Stadt hieß es, der Pavillon wird abgerissen. Das war vor einem Jahr.

Wenn ich in Berlin ein Atelier suche, miete ich eine Fabriketage. Warum können das die Wolfsburger Kreativen nicht?
AB: Wenn ich bei Immoscout nach preiswerten Gewerbeimmobilien schaue, dann gehen die bei zehn Euro pro Quadratmeter los, weil immer jemand hofft, dass irgendein VW-Zulieferer den Laden mieten könnte. Da müssen sie erst einmal 10.000 Euro in die Hand nehmen.
SS: Außerdem gibt es nicht so viele Freiräume und die, die vorhanden sind, werden schnell abgerissen. Natürlich kann man sich hinter Haftungsfragen verstecken, aber in anderen Städten geht es doch auch. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass die Flächen genutzt werden können, auf die die Stadt Einfluss hat.
AB: Es ist ein bisschen so wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel. Wir kommen mit einer Idee und schon ist das Bauamt mit der Abrissbirne da.

Wo sehen Sie in Wolfsburg das Potenzial für junge kreative Kultur?
AB: Nehmen wir zum Beispiel die Musikschmiede an der Fachhochschule. Die machen einmal im Jahr auf dem Robert-Koch-Platz ein Open-Air-Konzert. Die Leute, die abseits des subventionierten Kulturbetriebs etwas auf die Beine stellen können, sind also da. Ich glaube, dass sich im Umfeld der FH und um den Schachtweg herum etwas entwickeln könnte.
SS: Das funktioniert auch in anderen Stadtteilen. Wir müssen nur genauer hinschauen.

Was muss sich ändern?
SS: Wir wünschen uns mehr Verständnis und Interesse seitens der Bauverwaltung. Wenn wir es schaffen, nicht nur an den Verwaltungsstrukturen zu kratzen, sondern auch bewusst machen können, was Off-Räume für junge Kunst und damit für die Urbanität der Stadt eigentlich bedeuten, dann haben wir die größte Hürde überwunden.