Willkommen im
Mainstream

Ein Gespräch mit dem Wolfsburger Tätowierer
Oliver Fiedler zum Artikel

Willkommen im Mainstream

Text: Nikolaus Hausser
Foto: Ali Altschaffel

Unser Gesprächspartner Oliver Fiedler ist Tätowierer, vielleicht der prägendste seiner Zunft in Wolfsburg. Mit seinem schon vor achtzehn Jahren gegründeten Studio Culture Shocks im Handwerkerviertel ist er zu einem Magnet der Szene in der Region geworden. Heute gibt es in der Stadt etliche Tätowierer und einige Tattoostudios. Ein großer Markt ist das Tätowieren geworden, viele Wolfsburgerinnen und Wolfsburger lieben die Bilder auf und die Tinte unter der Haut. Im Jahre 2013 gehört die Kultur des Tätowierens zu unserem Alltag – ein guter Grund, sich einmal Ollis Geschichte anzuhören.

Oliver "Olli" Fiedler

 
Vor wenigen Jahrzehnten galten Tätowierungen noch als ein unmissverständliches Kennzeichen für Anderssein. Sie waren ein demonstratives Signal für gesellschaftliches Außenseitertum, vielleicht auch ein Zeichen echter Rebellion. Zwar kann mit den haltbaren Bildern heute noch öffentliche Erregung in bestimmten Schichten erzeugt werden, wie im Falle Bettina Wulffs und ihres Oberarmtattoos geschehen, allerdings ändern sich die Vorzeichen. Viele junge Menschen sind heute sehr gerne tätowiert und längst nicht alle stammen aus der sogenannten Unterschicht, im Gegenteil. Anders formuliert: im Alter zwischen 18 und 30 Jahren ist das Tattooing ein Massenphänomen geworden, auch in Wolfsburg. Untersuchungen zufolge soll sich aktuell jede zweite Frau in ihrer Adoleszenzphase tätowieren lassen. War das Tätowieren früher ein Thema von Subkulturen, so ist es heute im Mainstream angekommen. Kaum ein bekannter Sänger, Fußballspieler oder Künstler, der nicht auch eine Ausdrucksform auf seiner Körperoberfläche sucht und findet. Nüchtern betrachtet ist das Tätowieren zu einer Kulturform geworden – vielleicht zu einer nicht ganz uninteressanten.

»Der tätowierte Mensch ist
populär geworden, definitiv.«

Oliver Fiedler ist ein reflektierter und angenehm freundlicher Mitbürger. Sein Background ist eher bürgerlich-kreativ und so treibt ihn seine Jugend und das weniger kreative Umfeld Wolfsburgs nach dem Abitur in Fallersleben nach Braunschweig zum Politik- und Soziologiestudium und später in die autonome Szene von Berlin. Vor zwei Jahrzehnten kommt er dann wieder zurück nach Wolfsburg, gründet Culture Shocks, bezieht ein Eigenheim in Ehmen und geht einem geregelten Beruf nach: Er ist jetzt Tätowierer.

Immer wieder wird die schöne Geschichte vom Wolfsburger Max Müller (Punk-Ikone und Sänger der Band Mutter) erzählt, der Bela B. (Schlagzeuger und Sänger der Band Die Ärzte) nächtens bei einer Party sein erstes Tattoo geritzt haben soll. Der Überlieferung nach soll er Bela B. einen Kürbis auf den linken Oberarm mit der Unterschrift „Vollstark“ verpasst haben. Völlig unprofessionell natürlich, mit Nähnadeln und Tinte. Den Kürbis hat sich Bela B. dem Vernehmen nach irgendwann überstechen lassen, das „Vollstark“ gibt es noch. Belas erstes Tattoo war sozusagen das Ergebnis einer durchzechten Nacht. Das waren dann wohl die 1980er-Jahre, eine ganz andere Zeit, viel wilder, zumindest wenn man sich die Tattooszene anschaut. Wie ist dein erstes Tattoo entstanden?
Meines war auch sehr früh, so mit 16 Jahren, allerdings war das sehr professionell gestochen. Ein kleiner bunter Drache in einem klassischen Tattoostudio im Hafen von Amsterdam, also im Rotlichtbezirk (lacht) – auch verrucht. Ich habe das machen lassen, weil ich die Farben so wunderschön fand. Den Drachen habe ich aber gar nicht mehr.

»Für mich ist ein Tattoo viel
weniger eine ethische Entscheidung
als eine ästhetische.«

Eine bereinigte Jugendsünde?
Ja, leider, das war ein großer Fehler, schließ­lich gehörte der Drache ja zu mir. Ganz ehrlich, ich habe das ganz unmittelbar danach bereut.

Wo hattest du den?
Auf dem Oberarm, ganz klar. Ich habe auch immer die Ärmel hochgekrempelt, damit es auch jeder sieht. Auch wenn der Drache in die falsche Richtung geschaut hat, das kam schon sehr tough (lacht) – ein typisches Teenie-Ding. Im Übrigen habe ich Bela B. auch einmal tätowiert.

Was denn?
Eine kleine Fledermaus, das muss so 1993/94 gewesen sein.

Da waren Die Ärzte ja schon sehr bekannt.
Ja, ich habe Die Ärzte Anfang der 1980er-Jahre hier noch im KZ (Kulturzentrum, heute Alvar Altar Kulturzentrum, die Red.) gesehen, da muss ich so 14, 15 Jahre alt gewesen sein. Das war so eines meiner ersten Konzerte, für die ich nachts ausgebüchst bin. Die Band hatte sich gerade neu gegründet aus den Surbiers und Soilent Grün. Klar kannte ich also Die Ärzte, allerdings war das Zufall mit dem Tattoo. Ich arbeitete damals gerade bei Schepi in Berlin. Bela kam reingeschneit, der Laden war sehr angesagt zu der Zeit. Aber ganz klar, das war wirklich nichts Großes (lacht).

Wie ist das heute, wie entscheidest du dich für oder gegen ein Tattoo?
Also ich bin niemand, der sich sein Leben auf den Rücken malt, der eine ganz große pathetische Geschichte erzählen möchte. Für mich ist ein Tattoo viel weniger eine ethische Entscheidung als eine ästhetische. Mit den Jahren gefallen mir auch die reduzierteren Sachen besser als die opulenten, großen Würfe. Ich merke, dass viele, die sich heute ein Tattoo stechen lassen, in diese Richtung gehen. Ich denke, dass ich beeinflusst bin von Fernsehserien oder Realityshows wie Miami Ink, in denen einfach anders gearbeitet wird.

In den 1980er-Jahren war offenbar noch viel Provokation im Spiel. Wie hat sich die Art sich stechen zu lassen über die Jahre verändert, bzw. hat sich der Grund für Tattoos verändert?
Nein, ich glaube Fashion-Tattoos gab es immer schon. Die Rose und die blaue Seegurke (lacht), also der Delfin, später das Arschgeweih und heute Schriftzüge, Letterings im Chicago Style. Was sich wirklich verändert hat, ist der sehr viel höhere Individualisierungsgrad. Ich denke, dass das einfach daran liegt, das wir heute in einer sehr normierten Gesellschaft leben, in der viele Menschen das Bedürfnis haben sich von der Masse abzuheben. Der Trend geht auch zunehmend hin zu einer großflächigen Tätowierung. Immer mehr Menschen sind wirklich bis zum Hals hoch tätowiert. Der Planet wird immer bunter, das ist eine sehr globale Geschichte. Der tätowierte Mensch ist populär geworden, definitiv.

Was macht ein gutes Tattoo aus?
Für mich ist eine gute Arbeit gekonnt gemacht. Das heißt auch, dass sie haltbar ist.

Wie geht es einem mit anderen Tätowierern? Gibt es da welche, vor denen und deren Arbeiten man Respekt hat?
Definitiv. Wenn ich von mancher Convention (eine Art Szenemesse, die Red.) komme, dann verfalle ich regelrecht in Depressionen (lacht). Ich bin Masochist, ich gebe es mir dann auch gerne richtig und schaue genau hin, aber das ist vielleicht auch nicht das schlechteste.

Vor Jahrzehnten waren Tattoos in der Gesellschaft noch nicht so akzeptiert wie heute. Tätowiert waren nur Seeleute und Kriminelle – oder zumindest wurde uns das von unseren Müttern so erzählt. Später, als du angefangen hast, war das noch subkultureller Protest, du kommst ja selbst aus dem autonomen Punk-Umfeld. Wie siehst du das heute?
Tätowieren ist zum Kulturgut geworden. Es ist ja oft so, dass Independent zum Mainstream wird und so ist es auch dem Tätowieren ergangen. Ich meine Mainstream da gar nicht negativ. Ich habe das schon immer als Kultur gesehen, allerdings als eine sehr rebellische Kultur, deshalb heißt ja unser Laden auch Culture Shocks.

Neben dem rebellischen Gestus, dem „Kultur soll schocken“, fällt auf, dass ihr versucht, mehr zu sein als eine reine Tattoo-Bude. Ihr habt immer wieder Ausstellungen, macht Partys im Sauna-Klub, Lesungen und so weiter, warum der Aufwand?
Tatsächlich ist der Grund das blanke Interesse. Man ist vielschichtig interessiert und außerdem gehe ich auch selbst gerne in Galerien, es erweitert meinen Horizont. Wir haben immer wieder kreative Menschen hier, die tolle Sachen machen, das stellen wir dann aus.

Wie nahe ist das Tätowieren an der Kunst?
Ich muss ganz ehrlich sagen, ich glaube nicht, dass das Kunst ist. Es ist wohl eher Kunsthandwerk.

Wie wichtig sind dann lokale Einflüsse? Es gab ja jüngst einige Ausstellungen zum Thema Ornament im Kunstmuseum, Philip Taaffe oder die Ausstellung „Ornament – Ausblick auf die Moderne“ mit Kupferstichen aus dem Herzog-Anton-Ulrich-Museum – nimmt man die wahr?
Das beeinflusst schon, na klar. Ich gehe gerne mit Gasttätowierern ins Kunstmuseum. Insbesondere, wenn sie aus Osteuropa kommen oder aus Übersee, sind sie sehr interessiert an europäischer Kunst- und Kulturgeschichte. Es beeinflusst allerdings ohne – das sage ich jetzt für mich – dass das direkt in die eigene Arbeit mit einfließt. Für mich ist das eine Horizonterweiterung. Und überhaupt ist Tätowieren keine so analytische Angelegenheit wie moderne Kunst. Es muss schließlich auf der Haut wirken. Ehrlich gesagt geht es dabei oft auch um Effekthascherei. Und der Körper ist ja auch im Gegensatz zu einer Leinwand eine konvexe Angelegenheit.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem du für dich ganz individuell festgestellt hast, dass du es drauf hast, dass du Tätowierer bist?
Kein Scheiß, vor drei Jahren. Davor habe ich immer gedacht, ich mache irgendwas und dann plötzlich hatte ich das Gefühl, meinen Beruf auch nach außen vertreten zu können. Man muss sich einfach vorstellen, dass das Standing, wenn man nach einem Kredit für ein Eigenheim auf der Bank fragt und Tätowierer als Beruf angibt, nicht gerade hoch ist. Ehrlich gesagt nerven diese gesellschaftlichen Restriktionen und das macht mir dann schlechte Laune.

Was ist gerade im Tattoo-Kosmos angesagt? Die Seegurke ist, wie wir ja bereits festgestellt haben, nicht mehr so in.
Generell sehr grafisch, wie zum Beispiel das Dotwork, also Bilder aus kleinsten Rasterpunkten oder der sogenannte Trash-Polka-Style, bei dem 80er-Jahre-Punkrock- Plattencover imitiert werden.

Wie wird denn heute im Tattoo-Studio gearbeitet, wird noch von Hand vorgezeichnet oder mittlerweile schon am Computer?
Absolut, so etwas wie Mappen werden kaum noch verwendet, die meisten Tattoos werden für die Leute ja speziell angefertigt und mit Photoshop bearbeitet. Hinterher wird das Ergebnis nach Absprache 1:1 auf die Haut übertragen.

Das klingt so, als ob die Zukunft darin liegt, von Robotern tätowiert zu werden.
Ja, ich wette, dass das so kommen wird – auch wenn ich es natürlich nicht hoffe (lacht). Im medizinischen Bereich ist man da schon so weit. Ich denke, dass der Aufwand für Tattoos schlicht noch zu groß ist.

Welche Zukunft hat das Tätowieren, wenn man jetzt mal zehn, zwanzig Jahre vorausschaut?
Ich denke, dass es noch mehr werden wird, wenngleich auch die Qualität nicht immer gleich gut sein wird. Insbesondere wenn man schaut, dass es ja immer mehr Tätowierer gibt, so wird es auch in der Zukunft auch mehr schlechtere Tätowierer geben. Deshalb ist es mir wichtig, auch einen Ruf aufzubauen mit Culture Shocks, der am Ende eine offene Plattform für viele auch internationale Tätowierer ist – vielschichtig, aber eben überall qualitiativ hochwertig.

Wie sieht deine Zukunft aus, du bist ja auch keine 21 Jahre mehr, wird man irgendwann zu alt für das Business?
(lacht) Das ist eine gute Frage. Sicherlich beobachte ich auch an mir, dass ich meine Sujets gefunden habe und dass sich schon manchmal der Fokus von mir zu den jüngeren Tätowierern hinwendet, die man dann speziell supportet und auch versucht, ihnen Wissen weiterzugeben. Wenn man überhaupt von Ausbildung sprechen kann, dann haben wir uns hier schon einen Modus überlegt, wenngleich am Ende natürlich kein Zertifikat steht. Es ist halt kein Ausbildungsberuf, oder eben: noch nicht.