Schüsselerlebnis

An welchen Orten der neue Phaeno-Chef Michel Junge Inspirationen findet und warum er den Hadid-Bau für
einen Rennwagen hält zum Artikel

Schüsselerlebnis

Text: Annette Siemer
Foto: Ali Altschaffel

Wer den neuen Leiter des Phaeno sucht, findet ihn nicht unbedingt in seinem Großraumbüro. Dort steht zwar sein Schreibtisch, doch am liebsten mischt sich Michel Junge im Phaeno-Dress unter die Besucher.

Michel Junge


Der ehemalige Physiklehrer liebt den direkten Kontakt. „Das bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück“, sagt er. Der 53-Jährige ist seit Jahren in der Science-Center-Szene unterwegs. Zuletzt in einem Haus, das als Top-Adresse gilt: das Technorama in Winterthur. Dort war er 15 Jahre lang Leiter des Bereichs Ausstellung und Schulservice. Doch der Reiz des Phaeno war größer als der Charme der Schweizer Berge. Seit Oktober ist er der Phaeno-Chef.

Ich habe beobachtet, wie Sie das Phaeno betreten haben: Beschwingt, beinahe stürmisch, und im Vorbeigehen haben Sie die Mitarbeiterin an der Kasse mit einem Lächeln begrüßt. Sie scheinen Spaß an Ihrer neuen Arbeit zu haben.
Ja. Es ist ein Geschenk. Ich kann das tun, was ich leidenschaftlich gern mache. Und ich kann mich und meine Familie davon ernähren und dabei noch etwas Gutes bewirken. Besser geht es nicht, oder?

Das klingt so, als ob Sie sich schon freigeschwommen hätten.
Ich bin dabei. Im Moment halte ich mich aber noch eher am Beckenrand fest. Und ab und zu wage ich mich ins ganz Tiefe. Wolfsburg ist noch viel zu neu für mich. Ich beginne gerade, die Stadt zu entdecken, alles kennenzulernen. Das ist total spannend.

Und innerhalb des Hauses?
Innerhalb des Hauses unternehme ich Entdeckungstouren, mache immer mal wieder eine Tür auf, oft unwissend, was sich dahinter verbirgt. Das Phaeno hat so viele Türen, da steht man auf einmal in einem Technikraum und schaut durch ein Gitter die volle Höhe des Phaenos hinunter. Grandiose Ecken hat das Haus. Die Architektur überrascht mich immer wieder, je nach Standort erlaubt sie einen ganz anderen Blickwinkel.

Das Bauwerk lässt niemanden kalt. War es Liebe auf den ersten Blick?
Ich sage es ganz offen: Als ich in Winterthur mitbekam, dass Wolfsburg mit Zaha Hadid baut und ich den Entwurf gesehen hatte, habe ich mich gefragt, warum in Gottes Namen tun die sich das an? Aber jedes Mal, wenn ich hierher kam, habe ich es ein bisschen mehr verstanden. Diese Spannung loten wir, glaube ich, im Moment aber noch nicht richtig aus. Wir können noch mehr aus der Gestaltung und Anordnung der Exponate und der Architektur im Inneren machen.

Die Gebäudehülle ist wirklich spektakulär. Aber passen drinnen und draußen wirklich zueinander?
Dinge zu entdecken, die man vorher nicht wahrgenommen hat. Dinge, die am Wegesrand stehen, zu erkunden, zu explorieren und mit ihnen zu spielen – um solche Momente geht es hier im Haus und dazu passt das Landschaftsartige der Architektur.

Es gibt eine breite öffentliche Diskussion um das Haus. Haben Sie von der Debatte etwas mitbekommen?
Was nach meinen ersten Erfahrungen am Phaeno am meisten kritisiert wird, ist der Vorplatz. Das Gebäude wirkt durch den sehr kargen Vorplatz im Moment noch sehr harsch, fast brüskierend. Zaha Hadid hat von sich selbst gesagt: ‚I don’t do nice’. Stimmt, macht sie nicht. Sie will die Leute zum Stoppen, gedanklich zum Anhalten bringen, und insofern passt das Äußere zum Inneren. Aber manchmal muss man Menschen auch eine Brücke bauen. Wir müssen den Weg ins Haus für manche Menschen glätten, damit sie sich eingeladen fühlen. Diese Rolle sollte der Vorplatz übernehmen. Worüber auch immer viel diskutiert wird, ist, wie viel das alles gekostet hat, was das alles noch kosten wird und ob das nicht auch mit weniger Geld hätte gebaut werden können.

Wäre es denn auch mit weniger Geld gegangen?
Natürlich wäre es auch mit weniger Geld gegangen, aber dann wäre auch das Ergebnis ein anderes gewesen. Und hätte ein einfacher Funktionsbau, eine einfache Halle regional, national und international so viele Menschen bewegt? Hätte dabei der Aufforderungscharakter „Spannend, interessant, großartig“ entstehen können? Das ist doch das, was wir an diesem Standort brauchen. Bei der Diskussion um die Unterhaltungskosten des Gebäudes kontere ich immer gern, dass ein Formel-1-Wagen auch keine Inspektionszeiten von 25.000 Kilometern hat. Das Gebäude ist so komplex und an der Grenze des technisch Möglichen gebaut, dass es ähnlich pflegeintensiv ist wie ein Formel-1-Wagen. Sagen wir mal so: Der Gewinn steht im Verhältnis zu den Kosten und wir Wolfsburger können stolz auf unseren Rennwagen sein!

»Manchmal muss man Menschen
auch eine Brücke bauen.«

Reden wir mal über Ihre eigene Handschrift. Welche Akzente wollen Sie setzen?
Dr. Guthardt hat acht Jahre lang einen hervorragenden Job gemacht und ein bestelltes Feld hinterlassen. Und das muss gepflegt werden. Nach acht Jahren müssen Exponate erneuert werden, denn Respekt vor den Besuchern bedeutet, ihnen nicht nur etwas hinzustellen, das funktioniert. Respekt zeigt sich auch in der Liebe, mit der wir die Exponate vorbereiten und präsentieren.

Wenn man die Besucher beobachtet, fällt auf, dass viele die Exponate nur oberflächlich konsumieren.
Das ist eine Frage der Sichtweise. Nicht jeder Besucher nutzt jedes Exponat voll aus, das ist richtig. Wenn man beobachtet, wie viele Besucher eine Sache richtig ausloten, dann kommt man nur auf drei, vier Prozent. Die anderen gehen ran, spielen, wackeln, drücken auf den Knopf und gehen weiter, weil sie diese Station nicht anspricht. Folgt man aber einer Gruppe den ganzen Besuch lang, ist festzustellen dass sie an 95 Prozent der Objekte nur kurz verweilen, aber bei den restlichen fünf Prozent kommt es zu einer richtig tiefen Auseinandersetzung. Da sitzen die Leute dann fünf, zehn, zwanzig Minuten. Und genau darum geht es: Die Menschen zum Denken zu bringen, ihnen ihre eigene Zeit zurückzugeben.

Muss das Phaeno inhaltlich neu ausgerichtet werden?
Nein! Das Konzept von Phaeno ist gut so. Wie bereits erwähnt, steht als Priorität die eben genannte Erneuerung an. Danach widmen wir uns den nächsten Dingen.

Woran denken Sie dabei?
Das Phaeno hatte kürzlich seinen achten Geburtstag. Der Eintritt war frei und wir hatten an diesem Tag auch Besucher im Haus, die sich das Phaeno sonst nicht leisten können. Die Art und Weise, wie sie auf die Exponate zugegangen sind, war für mich eine ganz besondere Erfahrung. Ich habe ihre Ernsthaftigkeit richtig gespürt. Dieses Erlebnis hat mir bewusst gemacht, dass es da einen großen Bedarf gibt.

Macht das Phaeno den besseren Physikunterricht?
Das werden wir häufig gefragt. Nein, machen wir nicht. Das ist nicht unsere Aufgabe, dafür gibt es ein herausragend elaboriertes System, die Schule. Wir sind etwas Ergänzendes. Wir liefern den Menschen einen Grund dafür, sich mit Physik auseinanderzusetzen. Für mich als ehemaliger Physiklehrer sind das oft die schönsten Momente: Wenn ich eine Oma und ihren Enkel sehe – um mal so ein Klischeebild zu bedienen – wenn ich miterlebe, wie sie sich intensiv über Naturwissenschaft unterhalten. Was will ich denn noch mehr? Ich betreibe Physik ja auch nur, weil es Freude macht.

So gar keine pädagogischen Ambitionen?
Doch natürlich, aber die berühmte Falle, in die wir Lehrer oft tappen, ist doch die: Wir erklären ja so gerne alles. Und das wäre falsch in unserem Haus. Hier geht es nicht darum, den Menschen die Welt zu erklären, hier geht es darum, den Menschen die Welt zur Verfügung zu stellen, herausgelöst aus dem normalen Kontext. Erklären tun sie sich das selber.

Leiden Sie persönlich unter Entdeckungs- oder Erklärungswahn?
(lacht) Ohne Ende, darunter hat selbst meine Frau manchmal zu leiden. Ich stöbere unter anderem leidenschaftlich gern in der Küchenabteilung dieses schwedischen Möbelhauses herum, da steht für mich Experimentiermaterial in Hülle und Fülle.

»Poooh ist das Cool.«

Zum Beispiel?
Das ist auch so eine Story. Ich stand da und hielt eine Edelstahlschüssel vor mein Gesicht und sagte ‚poooh ist das cool’. Die Leute um uns herum guckten alle. Ich mit der Schüssel vor dem Gesicht – meiner Frau war es schon peinlich. Der Witz an der Sache ist der: Wir brauchen viel Energie, um unsere Körpertemperatur konstant zu halten und strahlen relativ viel Energie ab. Die Edelstahlschüssel reflektiert diese Strahlung. Wenn Sie die Schüssel vors Gesicht halten, erwärmt sie innerhalb von Sekundenbruchteilen Ihr Gesicht, als ob sie in der Sonne lägen. Das ist ein unglaublicher Effekt.

Was hat Sie an Ihrer neuen Stelle gereizt? Doch eher das Gebäude?
Die Philosophie von Phaeno und Technorama liegen sehr nah beieinander, insofern komme ich vom Regen in die Traufe (lacht). Nein, natürlich nicht. Es ist diese Spannung zwischen Gebäudehülle und Lern- plus Erlebniswelt. Aber es ist auch regional schwieriger. Das Technorama liegt relativ zentral. Das ist mit der Region hier nicht vergleichbar. Beides zusammen hat mich gereizt.

War es schwer, Ihrer Familie einen Umzug nach Wolfsburg schmackhaft zu machen?
Ich bin ein paar Mal allein in Wolfsburg gewesen und hatte jedes Mal so ein norddeutsches Suizidalwetter, alles war grau. Als in der Nähe von Husum aufgewachsener Norddeutscher dachte ich dann schon: Meine Güte, willst du das wirklich wieder? Wir sind mit dem Auto von Winterthur nach Wolfsburg gefahren, 700 Kilometer im Dauerregen und als wir auf Detmerode zufuhren, riss der Himmel auf.

Und vor Ihnen lag die Hochhauskulisse.
Sie lag zuerst in einem diffusen Licht und dann plötzlich in hellem Sonnenschein. Das war ganz beeindruckend. Wir fuhren in diese riesige breite grüne Schneise rein und das ganze Wochenende über war traumhaftes Wetter. Wir haben in der Jugendherberge gewohnt, haben zu Fuß die Innenstadt durchstreift und festgestellt, wie unglaublich grün und spannend Wolfsburg ist. Wir fühlen uns hier sehr wohl.

Seit wenigen Monaten ist Michel Junge der neue Leiter des Phaeno. Der 53-jährige Schleswig-Holsteiner kommt vom Science Center Technorama aus Winterthur (Schweiz), wo er 15 Jahre lang wirkte.