Vollstark

Im Gespräch mit Max Müller über Punk,
Musik und Wolfsburg zum Artikel

Vollstark

Text: Nikolaus Hausser
Foto: Ali Altschaffel

Ende der 70er-Jahre will er nur noch weg aus Wolfsburg. In den 80er-Jahren wird er fast Mitglied von Die Ärzte und Thurston Moore und Lee Ranaldo, Musiker der Kultband Sonic Youth*, bezeichneten ihn und seine Noise-Rock Band Campingsex als wichtigen Bezugspunkt für ihre Musik. Als in den Neunzigern die sogenannte Hamburger Schule die deutsche Sprache jenseits abgedroschener Deutschrockpfade neu entdeckt, gilt er mit seiner Formation Mutter als Vorreiter. Das Feuilleton ist bundesweit sowieso schon eine ganze Weile begeistert und wir fragen uns: Warum hat es bei Max Müller immer noch nicht geklappt mit dem ganz großen Ruhm?

Max Müller


Möglicherweise werden in Wolfsburg nicht allzu viele Menschen Max Müller und seine Band Mutter kennen. Ungeachtet dessen ist er einer der großen Söhne der Stadt, so ganz nebenbei und ohne je einen Eintrag ins Goldene Buch bekommen zu haben. Auch mit Anfang 50 trifft man ihn nicht mit Schlips und Kragen an, sondern mit ausgetretenen Chucks und einer Sonnenbrille vom Flohmarkt. Den Promotext für das neue Album „Text und Musik“ schrieb nicht ganz zufällig Tex Rubinowitz, frischgebackener Bachmann-Preisträger. Auch sonst tummelt sich in seiner Fangemeinde prominentes Volk, gewissermaßen viel Kunst- und Musik­aristokratie.

Es klingt naturgemäß abgedroschen und doch ist es wahr, Max Müller ist eine Künstlertype. Es hat etwas ungewöhnlich Schönes, wenn aus der Kunst und der Musik kein schlichtes Business entsteht, das formelhaft den Erfolg zementiert und zu Ruhm und Geld macht. Ein Künstler (wie sein älterer Bruder Wolfgang**) wollte er immer werden. Auf dem freischwimmer-Cover ist seine erste Veröffentlichung mit der Band Honkas aus dem Jahr 1981 abgebildet, die bei dem Label „Silberne Ritter Kassetten“ erschien. Gleich an erster Stelle ein Song mit dem Titel „Mein Bruder ist Kunststudent“ und dem gänzlich unironisch gemeinten Text: „Wir sind so stolz auf ihn, komm lass uns doch nach Berlin ziehn, Kunst studiern“. Schon früh steckte darin sein Lebensentwurf.

»Wow, die können
ja gar nicht spielen.«

Trotzdem war Wolfsburg schon immer wichtig im Leben von Max Müller und wird nicht negiert wie von anderen, die wie er von hier stammen. In vielen Interviews mit ihm wird die Stadt zum Thema, die kleinbürgerliche Enge, die er als Jugendlicher empfunden hat, aber auch die Seltsamkeit, die die Stadt noch heute prägt und das, was all dies für ihn noch heute bedeutet. Wir treffen Max Müller in Berlin, wo er schon seit Anfang der Achtziger lebt, genauer gesagt im Graefekiez im Szenebezirk Neukölln, und verbringen eine angeregte Stunde mit ihm auf einer Parkbank.

Hat dir Wolfsburg damals keine Perspektive geboten oder warum bist du weg?
Aufgewachsen bin ich in Reislingen und Vorsfelde. Dass es aber mehr im Leben geben muss als das übliche Wolfsburg, habe ich früh gespürt. Mein Bruder Wolfgang hat im Kunstverein im Schloss an der Kasse gejobbt. Mit ihm zusammen war ich einmal beim damaligen Leiter, dem legendären Klaus Hoffmann. Dort stand ich dann vor einem echten Gerhard Richter, den hatte er in seiner Wohnung stehen, und ich war absolut fasziniert. Auch die Ausstellungen im Schloss, das war eine ganz andere Welt. Mir war irgendwann klar, dass ich weg möchte. Ich hätte ja in Wolfsburg problemlos eine Ausbildung oder eine Arbeit gefunden, was ja eigentlich toll ist, aber das war für mich kein Thema, es gab hier nichts für mich und in Berlin so viel.

Zur Musik bist du aber noch in Wolfsburg gekommen?
Ja, fast klischeemäßig habe ich mit 13, 14 Jahren an unserer alten Musiktruhe die Rädchen zufällig auf die BBC gestellt und dort zum ersten Mal die Sex Pistols gehört. Das war bei einer Sendung von John Peel*** und ich dachte nur: Wow, die können ja gar nicht spielen, können ja gar nichts, aber die Musik klingt toll. Mir war sofort klar, dass Punk mein Ding war.

So viele Punks dürfte es Ende der 70er-Jahre in Wolfsburg nicht gegeben haben. Wie kommt man da an Informationen und Gesinnungsgenossen?
Die Mädchen aus meiner Klasse haben mir immer die Artikel über Punk aus der Bravo mitgebracht, die haben gewusst, dass ich das toll finde. Eigentlich war das total blöde, ich wollte in diesem Alter ja dazugehören und ein Mädchen finden. Mit der Punk­sache an sich hat man sich sehr ins Abseits gestellt. Auf der anderen Seite fanden das andere auch ganz attraktiv und nach einiger Zeit waren wir dann bereits eine kleine Gruppe Punks in Wolfsburg. Die habe ich mir sozusagen selbst erzogen (lacht).

Dann kam die Band, die Honkas?
Ja, mit der Band hatte ich dann sogar schon Auftritte in Braunschweig und auch in Wolfsburg im Schloss.

Hast du von Anfang an in deutscher Sprache getextet?
Also, ganz am Anfang haben wir Songs nachgespielt und die waren natürlich in englischer Sprache. Ich habe aber recht schnell gemerkt, dass das auch sehr gut in Deutsch geht und ich das gut fand.

»Wir sind zu sperrig und
wir haben nicht diese Form,
die es in Deutschland braucht,
um erfolgreich zu werden.«

Warst du immer davon überzeugt deutsch zu singen? Es gab ja seit den Achtzigern ein Auf und Ab und so richtig etabliert hat es sich erst in den Neunzigern mit der Hamburger Schule und dem deutschen Hip-Hop. Klanglich wie sprachlich haben sich viele, viele Bands an dir orientiert.
Ich meine, eine Echtheit und Wahrhaftig­keit gibt es eigentlich immer nur in der eigenen Sprache, sonst klingt das verfälscht und komisch. Außerdem hat das bei mir immer sehr gut funktioniert. Es war für mich ein Spaß und ein Geschenk mit dieser Sprache arbeiten zu dürfen. Wenn wir mal im Ausland gespielt haben, wird es eben als das wahrgenommen, was es ist. Ob man Vorbild war? Das ist mir eigentlich egal.

Du bist ja schon sehr früh aus Wolfsburg abgehauen und mit 15 Jahren nach Berlin. Hattest du einen Plan, als du gegangen bist?
Nein, gar nicht. Ich wusste, dass das Leben in Wolfsburg nichts für mich ist.

War deine Mutter nicht entsetzt, als du gehen wolltest?
Ja und nein. Ich glaube, sie hat gemerkt, dass ich das machen muss, dass das ein innerlicher Wunsch war. Schließlich musste sie auch für mich unterschreiben, dass ich das darf. Heute rechne ich ihr das sehr hoch an. Was hätte sie auch mit diesem rebellischen Jugendlichen machen sollen?

Was hast du dann in Berlin gemacht, war es schwer, dort Fuß zu fassen?
Nein, mein Musikerleben ging eigentlich nahtlos weiter. Ich habe mit Florian (Körner von Gustof, Anmerkung der Redaktion), der heute noch bei Mutter dabei ist, Campingsex gegründet und wir hatten auch bald viele Auftritte. Wir wurden sehr schnell nach New York eingeladen, so etwas passiert halt in Berlin leichter als in Wolfsburg. Das fand ich immer toll an Berlin, dass da halt auch die Leute sind, mit denen so etwas geht.

Stimmt es, dass Campingsex ein Vorbild für Sonic Youth war?
Lee Ranaldo, der Gitarrist von Sonic Youth, hat erst vor Kurzem wieder in einem Interview gesagt, dass die Platte „1914“ einen großen Einfluss auf Sonic Youth hatte. Das ist natürlich schön, wobei die bestimmt auch noch irgendeine japanische Band gut fanden. Aber ich weiß, dass sie die Platte wirklich besaßen und mochten.

Nicht nur für Sonic Youth, auch für andere Künstler wart ihr – oder warst du – wichtiger Bezugspunkt. Jochen Distelmeyer von Blumfeld hat mal über Mutter gesagt: „Später werden die Leute sagen: Das hat kein Schwein wahrgenommen – das ist aber das Geilste gewesen. Seid ihr denn alle bescheuert?“ Ärgert es einen, wenn man nicht berühmt geworden ist, so wie alle anderen um einen herum?
Nein, dann würde ich mir den ganzen Tag das Hirn zermartern, „O Gott, die Welt ist ungerecht und schrecklich“. Das ist Quatsch. Das darf einen als Künstler auch nicht interessieren, denn ich glaube ja schon an die Sache, die ich mache. Beziehungsweise ich glaube, dass das wirklich gut ist und eben anders als andere Bands und Musiker.

Der Independentbereich wird ja häufig ab einem bestimmten Zeitpunkt vom Mainstream vereinnahmt und dann kommerziell verkauft. Gerade in der Musik gibt es viele Beispiele. Verwandte Bands wie Die Ärzte und Die Toten Hosen sind in unterschiedlichen Weisen zum Mainstream geworden. Bei Lidl werden zurzeit Ramones-Shirts verkauft. Warum hat das in deinem Fall nicht geklappt mit der Vereinnahmung und dem daraus folgenden Ruhm?
Tja, ich hätte das gerne gehabt, ich habe früher immer daran geglaubt und vielleicht glaube ich jetzt auch immer noch daran. Dabei war ich einer der wenigen in der Szene, der immer gesagt hat, „Klar, denn wenn eine Kunst echt und wahrhaftig ist, dann kann man auch nichts kaputt machen“. Komischerweise haben die Bands, die das am heftigsten abgelehnt haben, später dann auch großen Erfolg bei großen Labels gehabt.

Gab es Angebote?
Nein, nicht wirklich, wir sind immer unterhalb des Radars geblieben. Ich verstehe auch warum. Wir sind zu sperrig und wir haben nicht diese Form, die es in Deutschland braucht, keine Schublade, in die man passt, um erfolgreich zu werden. Ich denke Bands wie die Toten Hosen, die behalten das, was sie sich erarbeitet haben, bei und tun auch sehr viel dafür. Mich als Person und auch uns als Band würde das zu Tode langweilen. Das hätte ich schon haben können, das weiß ich.

Du solltest ja eigentlich der Sänger von Die Ärzte werden, bist aber nie zu den Proben erschienen.
Ja, das stimmt. Ich hatte die Geschichte vergessen, die hat dann irgendwann einmal Dirk (Bela B. von Die Ärzte, Anmerkung der Redaktion), der ein enger Freund von mir war, in einem Interview ausgepackt.

Ärgert einen das später nicht doch?
Ach, ich weiß nicht. Das hieße ja, dass ich heute so eine Musik machen würde und das kann ich nicht, soweit könnte ich mich nicht verbiegen. Wenn ich als Künstler arbeite, dann brauche ich Freiheiten.

So eine autonome Haltung zu haben ist ja in gewisser Form auch eine ökonomische Frage, oder? Konntest du mit deinem Modell immer gut leben?
Das kommt natürlich darauf an, welche Ansprüche man hat. Letztlich habe ich immer gut gelebt, ob ich jetzt viel oder wenig Geld hatte. Wichtig war, Geld für einen Proberaum zu haben und immer mit der Band reisen zu können. Ansonsten verkaufe ich auch noch Zeichnungen, aber das steht nicht im Vordergrund, wobei mir das schon auch wichtig ist. Die meisten Bilder verkaufe ich übers Netz, das ist eine tolle Plattform, und nicht über eine Galerie. Ich sehe mich aber in erster Linie als Musiker, obwohl ich auch immer wieder Ausstellungen hatte.

Wie 2007 mit „Welcome Home Max und Wolfgang Müller“ im Kunstverein Wolfsburg. Wie gehst du an Zeichnungen ran, hast du Themen, über die du arbeitest?
Nein, ich bin da eher so, dass ich einen Blick für etwas suche und da ran gehe wie ein Kind, das einfach zeichnet – und dann entsteht etwas. Ich bin, wie auch in der Musik, Autodidakt und versuche etwas sehr eigenes, Spezielles in die Dinge zu bringen.

Das gleiche Arbeitsprinzip wie in der Musik, die fast kindliche Lust am Ausprobieren? Das erinnert wieder an die Geschichte mit Bela B. von Die Ärzte, den du auf einer Party im Wohnzimmer seiner Mutter, so um 1980, tätowiert haben sollst, mit einem Kürbis und der Unterzeile „Vollstark“.
(lacht) Ja, ist doch toll, oder? Drei Nadeln und Scriptol.

Hast du das Tattoo auch?
Nee, das habe ich nur den anderen gestochen, mir war das zu doof (lacht). Das hier war mein erstes Tattoo (er schiebt sein T-Shirt hoch und es erscheint ein Strichmännchen). Dafür muss man nicht ins Tattoostudio gehen und im Gegensatz dazu finde ich die heutigen Tattoos und die üblichen Motive ganz schrecklich und fürchterlich dumm. Wenn man ins Freibad geht und sieht, was für einen Mist sich die Leute stechen lassen ...

Dumm, weil das heutzutage eine Mode geworden ist. Mainstream?
Wer heute noch nicht tätowiert ist, dem würde ich abraten, das zu tun, was soll das denn auch noch heute? Wenn das jeder macht, dann ist das doch total uninteressant und bescheuert. Früher warst du gebrandmarkt, konntest weder zur Bundeswehr oder bei einer Bank arbeiten. Ich finde in der Kunst und auch in der Musik den Grundgedanken des Machens und der Echtheit wirklich wichtig und richtig. Das war für mich Punk und nur so kann eine Sache oder ein Song seine Schönheit entfalten.

Heißt das, dass im Nichtskönnen ein Zauber wohnt, der bis heute von dir gepflegt wird?
Nein, so auch nicht. Wir können ja richtig spielen, konnten wir auch schon immer und ich habe uns nie als Band von Dilettanten gesehen. Wir proben auch viel, um eine gewisse Form zu erreichen. Das gehört zu einer Rockshow, allerdings nicht ohne dann auf der Bühne die Freiheit zu haben. Wir spielen unsere Songs ja ganz anders als auf dem Album.

Auf der Bühne bist du ja schon sehr exzessiv. Nutzt sich das Bühnentier nach über 30 Jahren auch mal ab?
Zum einen bin ich privat ganz anders und auf der Bühne ist das schon sehr stimmungsabhängig. Nein, ich würde sagen, dass mir das immer noch Spaß macht.

Du bist ja auch noch oft privat in Wolfsburg, benennst in Interviews Wolfsburg auch gern als Teil deiner Geschichte. Wie nimmst du die Stadt wahr, siehst du den Wandel der letzten Jahrzehnte?
Ich mag die Stadt ja gerne, auch weil Wolfsburg so einen Status als Sonderling innehat. Keiner mag da richtig hin und wenn, dann nur kurz ins Museum und wieder raus. Auf der anderen Seite gibt es hier tolle Architektur aus den Fünfzigern, Sechzigern und auch die ganze Nazigeschichte der Stadt ist sehr interessant und eigen. Die Stadt hat tolle Ecken, wie zum Beispiel den Blick am Einmannbunker auf dem Klieversberg. Vor Kurzem war ich mit meinem Sohn im VW-Bad und habe mich sehr gefreut, dass es immer noch so aussieht wie in meiner Jugend. An anderen Stellen haben sie leider viel kaputtgemacht und weggerissen, vermutlich mit dem Gedanken „Jetzt machen wir das mal richtig schön“. Das ist natürlich schade.

 

* Sonic Youth waren eine der einflussreichsten Noise-Rock/Independent Bands der 90er-Jahre.
** Wolfgang Müller, ebenfalls gebürtiger Wolfsburger, ging in den späten 70er-Jahren zum Studium nach Berlin. Dort wurde er mit seiner Formation Die Tödliche Doris (vor allem in der Kunstszene) berühmt. Heute lebt der Künstler abwechselnd in Berlin und Reykjavik und besucht hin und wieder Wolfsburg.
*** John Peel: Der Radiomoderator und DJ galt lange als der einflussreichste Experte für Popmusik und ist insbesondere im Independentbereich eine Legende. Er entdeckte und förderte Bands wie The Clash, Nirvana, The Sex Pistols, The Fall, The Smiths etc.