Das zweitbeste Glück

Gespräch mit Klaus Allofs zum Artikel

Das zweitbeste Glück

Text: Nikolaus Hausser
Foto: Ali Altschaffel

Das sorgenfreiere Glück hat man als Spieler, aber auch das „zweitbeste Glück“, wie Klaus Allofs (56) seinen Job augenzwinkernd nennt, scheint ihn anzuspornen und auszufüllen. Das strahlt der angenehme und erstaunlich offene Allofs im Gespräch aus. Er ist nach turbulenten Zeiten gekommen, um den VfL sympathischer (und erfolgreicher) zu machen – der Arbeitsauftrag an den neuen Geschäftsführer und Manager Allofs war glasklar. Jetzt, nach fast einem Jahr ist ein guter Zeitpunkt für den freischwimmer gekommen, mit ihm über seinen Wechsel, die Stadt Wolfsburg und das Image des Vereins zu sprechen.

Klaus Allofs


Seit fast einem Jahr sind Sie schon hier in Wolfsburg. Bei Ihrem Beruf muss man ja fast fragen: Haben Sie schon Ihre Umzugskisten ausgepackt, sind alle Möbel schon in Wolfsburg?

Ja, auf jeden Fall. Das war auch das Ziel. Nachdem ich hier am 15. November unterschrieben und ein Haus gefunden habe, sind wir in den ersten Januartagen umgezogen.

Ein sehr spezielles Haus haben Sie gefunden – das ist ja fast legendär.
Ja, darin haben schon Felix Magath, Armin Veh und Dieter Hoeneß gewohnt. Ich hoffe nicht, dass das Haus mit einem Fluch belegt ist (lacht). Zumindest habe ich noch nichts davon gemerkt.

Eine gewisse Fluktuation gab es ja schon.
Klar, das liegt aber in der Natur der Sache, so ist das im Fußball.

»DAS HAT DIE STADT DOCH
GAR NICHT NÖTIG.«

Haben Sie schon etwas von Wolfsburg gesehen?
Um ganz ehrlich zu sein, die meiste Zeit bin ich im Stadion oder für den Verein unterwegs. Das bringt der Beruf so mit sich. Aber natürlich war ich schon in Fallersleben, Vorsfelde und in der Fußgängerzone. Gestern wäre ich auch fast ins Theater gegangen, aber dann kam ein Termin dazwischen. So ist das eben. Meine Familie hingegen war bereits im Phaeno und ist ganz gut rumgekommen. Klar, ich würde mir manchmal mehr Freizeit wünschen, aber das ist ein frommer Wunsch.

Wenn Sie auf Ihre Entscheidung von vor einem Jahr zurückblicken: War das eine gute?
Absolut – und nicht nur weil das die politisch korrekte Antwort ist. Für mich gab es einfach diesen Moment, in dem ich etwas Neues machen wollte und auch nach der langen und glücklichen Zeit in Bremen ist das hier genau das, was ich wollte.

Woran bemessen Sie das?
Na, mir macht die Arbeit Spaß und auch die Lebensumstände hier sind super. Ich fühle mich wohl, so einfach ist das. An meinen freien Tagen fahre ich weder nach Bremen noch Richtung Westen, nein, ich bleibe hier, weil es für mich passt und nicht nur für mich, auch für meine Familie. Wichtig ist mir, dass ich das Gefühl habe, nichts zu vermissen und ich vermisse hier in Wolfsburg nichts.

Ihr Arbeitsalltag ist wohl kein 9-to-5-Job, oder?
Nein, wirklich nicht. Vor kurzem habe ich mir zum Beispiel am 3. Oktober sehr viele Termine in den Kalender gelegt – so lange bis mir ein Mitarbeiter gesteckt hat, dass außer mir kaum jemand da sein würde (lacht). Ich kenne sozusagen kaum Urlaubs- und Feiertage. In der Zeit der Transfers waren wir immer schon früh anwesend und blieben auch bis sehr spät.

Bei den Transfers, die Sie im letzten Jahr getätigt haben, ist aufgefallen, dass diese vergleichsweise ruhig abgelaufen sind. Dabei steckte in den Personalien wie Patrick Helmes, Luiz Gustavo, Dieter Hecking oder auch Diego ein großes Konfliktpotential. War das Zufall oder wollten Sie die Szenerie in Wolfsburg beruhigen?
Das war schon das Ziel. Auch wenn ich weiß, dass die Presse Geschichten braucht – die lokalen Medien müssen ja zwei, drei Seiten am Tag füllen. Am liebsten würde ich dennoch lieber im Verborgenen arbeiten, aber da gilt es ein gesundes Mittelmaß zu finden. Andererseits, und das war eine Beobachtung, bevor ich nach Wolfsburg kam, war die Berichterstattung in der Vergangenheit zu transferlastig. Das wollten wir schon gern runterfahren und mehr Seriosität reinbringen. Das steht uns als Verein auch gut zu Gesicht. Spektakel muss sein und Klatschgeschichten auch, das bringt uns eine hohe Aufmerksamkeit, aber wenn unser Verhalten im letzten Jahr als ruhig wahrgenommen wird, dann freut mich das.

Was uns von außen brennend interessiert: Nerven einen die Spielerberater nicht?
Nicht zwingend. Es gibt gute und eben schlechte Spielerberater. Zu meiner Zeit war das noch eher unüblich und heute ist das eben normal. Nur wenn der Spielerberater ausschließlich seine Vorteile und die seines Klienten und nicht auch die Belange des Vereins sehen möchte, ist bei mir Schluss. Letztlich gehört das zum Profifußball aber dazu.

Macht es vielleicht sogar Spaß, das Feilschen, Pokern, Zocken – zumindest zeitweise?
Na klar (lacht), wenn ich mich dazu zwingen müsste, dann hätte ich den falschen Beruf gewählt. Nein, es ist eine sehr interessante Aufgabe, einen Club zu beeinflussen und einen Kader zusammenzustellen. Zu basteln, mit den Kollegen Überlegungen anstellen, das ist unheimlich interessant und macht sehr viel Spaß.

Sie sind schon seit Jahrzehnten ein bekennender Pferdesportfan und besitzen eigene Rennpferde. Kann man von den Erfahrungen dort lernen und sie im Fußball anwenden?
Seit fast vierzig Jahren ist das meine Leidenschaft und ja, wenn man das möchte, kann man auch eine Verbindung dazu konstruieren, muss man aber nicht. Ich denke, mir helfen eher meine Lebenserfahrungen und dass ich in diesem Metier schon fast alles gemacht habe. Als Junge bin ich mit Fortuna-Fahne (Fortuna Düsseldorf/Anmerkung der Redaktion) zu den Spielern gelaufen und habe mir Autogramme geholt, war dann in der Jugend der Fortuna, später Profi, war im Ausland, habe als Trainer und für das Fernsehen gearbeitet – ich glaube, die Erfahrung hilft.

Ist man hinterher auf gewisse Transfers stolz?
Beim VfL ist die Zeitspanne insgesamt zu kurz dafür. Vielleicht, dass wir Luiz Gustavo davon überzeugen konnten zu uns zu kommen, das ist toll. Vorgestern habe ich Champions League geschaut und bei Arsenal Peer Mertesacker und Mesut Özil gesehen. Die wurden von ihrem Publikum gefeiert. Es ist schon schön, wenn man die Spieler geholt hat und sieht, dass sie ihren eigenen Weg gegangen sind.

»Als Spieler ist das ein
sorgenfreieres Glück.«

Sie hatten selbst eine lange Karriere als Fußballspieler und haben viel erlebt. Waren Torschützenkönig, haben unter Bernard Tapie bei Olympique Marseille gespielt, waren Nationalspieler und Europameister 1980. Wenn Sie einen Vergleich für uns ziehen würden – was ist schöner: der Erfolg als Spieler oder als Manager?
Als Spieler ist das ein sorgenfreieres Glück. Aber auf dem Platz eine Meisterschaft zu gewinnen ist nur eine gewisse Zeit möglich. Heute fängt einen die Verantwortung sehr schnell wieder ein, da kommt bestimmt am nächsten Tag schon ein Spieler, der einen neuen Vertrag haben möchte (lacht). Es ist als Manager wohl das zweitbeste Glück.

Ihr Auftrag war und ist, den VfL sympathischer zu machen. Das klingt mehr nach einer Imagekampagne als nach dem Führen eines Vereines. Ist eine solche Aufgabe noch schwerer als den Verein zu Erfolgen zu führen?
Das eine sollte das andere nicht ausschließen, denn der sportliche Erfolg macht sympathischer. Es ist richtig, dass der VfL durch seine Transferpolitik, den sportlichen Misserfolg und einige andere Dinge in eine Schublade geraten ist, aus der es schwer ist rauszukommen. Tatsächlich müssen wir gegen einige Vorurteile ankämpfen, das geht aber nur mit einem langen Atem und dadurch, dass man nachhaltiger wirtschaftet. Damit dann irgendwann auch außen verstanden wird: Die Wolfsburger können nicht nur perfekt Autos bauen, sie wissen auch wie man nachhaltig einen Klub managt. Ich denke, dass wir hier im letzten Jahr schon ein ganz gutes Stück vorangekommen sind.

Können Sie die Nachhaltigkeit an einem konkreten Beispiel festmachen?
Nun, in der Jugend wird schon seit Jahren sehr gut gearbeitet, es wurden etliche Titel geholt. Allerdings gab es dann einen Bruch, eine Grenze, an der es nicht mehr weiter ging. Mir geht es darum, den Transfer besser hinzubekommen zwischen den Jugendmannschaften und den Profis. Eine Durchlässigkeit zu schaffen, damit es mehr Spieler bei uns von der Jugend in die Bundesliga schaffen – das haben wir uns insgesamt auf die Fahne geschrieben.

Und was macht der Mensch Allofs, wenn es mal nicht um den VfL geht?
Urlaub habe ich sehr selten. Ich lese gern. Sobald ich allerdings kann, treibe ich Sport. Wenn man das so lange intensiv gemacht hat, liegt das nahe. Und wir sind oft mit den Fahrrädern rund um Wolfsburg unterwegs.

Wohin geht’s mit dem Rad, gibt es feste Strecken?
Nein, ich bin nicht der Typ, der das plant. So ungefähr kennt man sich schon aus und dann geht es einfach los, wenngleich wir uns auch schon verfahren haben, weil meine Frau den Berg nicht hoch wollte und dann aus der Abkürzung ein Umweg von zwei Stunden wurde (lacht). Wir genießen hier aber die Landschaft, man kann schöne Touren machen und immer wieder gut einkehren. Meine Stammstrecke führt durch den Wald in Richtung Detmerode, aber auch am Kanal entlang oder um den Allersee fahre ich gern. Wie gesagt, hier ist es sehr gut für uns.

Das hört man in Wolfsburg immer gern.
Ja, das Selbstbewusstsein ... Als ich in den ersten Tagen hier durch die Stadt gegangen bin, waren die Leute auf der Straße sehr freundlich. Ich habe mich willkommen gefühlt, aber wo ich war und ging meinten mir alle erklären zu müssen, dass es doch ganz schön in Wolfsburg ist, fast entschuldigend. Ich denke, das hat die Stadt doch gar nicht nötig.

Sie meinen, hier fehlt das Selbstbewusstsein?
Ich sehe da Parallelen auch zum VfL. Man muss sich doch nicht entschuldigen dafür, dass man ein Werksklub ist, nein, das ist gut so, darauf darf man ruhig stolz sein. Sicherlich ist man anders als in anderen Städten, wir sind ja eher eine kleine Stadt, aber das gehört für mich zur Vielfalt dazu. Und wenn wir dann mal wieder sportlich erfolgreicher sind, dann schauen die Menschen auch wieder anders auf den Verein und die Stadt.