Wie eine Zirkusdirektorin

Interview mit Christel Rothe, der scheidenden Leiterin des Galerie Theaters Wolfsburg zum Artikel

Text: Nikolaus Hausser
Bild: Ali Altschaffel

Seit fast 25 Jahren betreibt Christel Rothe das Galerie Theater.
Die überaus treuen Zuschauer und ein unterstützend tätiger
Verein machen das alte Haus in Alt-Heßlingen zu einem lebendigen
und außergewöhnlichen Ort in der Stadt.

Christel Rothe


Wolfsburg hat ein altes Schloss, das älter als die Stadt selbst ist. Soweit ist die Geschichte bekannt. Einige ebenso alte und ganz besondere Schlösser der Stadt indes befinden sich in einer ehemaligen Scheune, genauer gesagt im altem Schweinestall. Dieser gehört zu einem Fachwerkhaus in Alt-Heßlingen, dem alten Stadtteil im Herzen Wolfsburgs. Hier ist auch das Galerie Theater zu Hause.

Fast mahnend sind die Schlösser, bzw. Schließanlagen in der Bar aufgereiht. Gesammelt haben sie Christel und Dieter Rothe von den umliegenden Häusern und Bebauungen, die inzwischen entweder abgerissen oder von Grund auf saniert und verändert wurden. Die Schlösser und andere eiserne bäuerliche Gerätschaften sind stumme Zeugen einer anderen Zeit. Es sind Überbleibsel, für die es lange kein Interesse gab in dieser jungen Stadt. So wenig Interesse, dass große Teile des alten Heßlingens dem Neubau- oder Abrisswahn geopfert wurden.

»Man hatte schon das Gefühl
richtig „In“ zu sein.«

1989 renovierten die Rothes die alte Fachwerkscheune aus dem 18. Jahrhundert und betreiben seitdem eine Bühne, die sich auf politisches Kabarett spezialisiert hat. Knapp einhundert Zuschauer passen bei Veranstaltungen hinein. Doch nicht nur die Größe ist ungewöhnlich – wo gibt es denn schon private Kulturanbieter? Obwohl sie Unterstützung seitens der Stadt erfahren haben und es seit etwas mehr als zehn Jahren einen Trägerverein gibt, ist es ein mühsames Geschäft mit der Kunst und Kultur. Doch unglücklich sieht Christel Rothe gar nicht aus, wenn sie ihr „Reich“ zeigt. Kein Wunder – sie hat es sich ja auch selbst aufgebaut.

Sie haben nach dem Krieg in Straußberg bei Berlin Ihr Abitur gemacht und sind dann zum Studium nach Weimar an die berühmte Hochschule für Architektur und Bauwesen (heute Bauhaus-Universität Weimar) gegangen. War es nach dem Krieg schwierig, als Frau an eine Hochschule zu kommen?
Nein, in der DDR war das kein Problem, Frauen sind da viel selbstbewusster und berufsorientierter groß geworden und zudem fiel ich unter die Kategorie „Arbeiter- und Bauernkind“. Allerdings wollte ich eigentlich an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee und Bühnenbild studieren, doch ich war offenbar nicht gut genug im Zeichnen. Der Qualitätsanspruch war sehr hoch, aber sie wollten mich fördern und haben mir dann die Universität in Weimar empfohlen.

Sie sind dann aber trotzdem in den Westen gegangen?
Ja, nachdem ich meinen Mann kennengelernt hatte und ich an der Hochschule politisch aufgefallen war, sind wir 1958 rüber. Mein Vater, der schon im Westen war, hat uns dann später eine möblierte Wohnung in Wolfsburg im Nelkenweg besorgt und ich habe mein Studium in Braunschweig beendet. Anfang der 1960er-Jahre haben wir gegenüber dem Imperial Kino eine Boutique mit selbstgemachtem Schmuck und dänischem Geschirr eröffnet. Später kam dann noch in den heutigen Räumlichkeiten von Ehme de Riese eine Kunstgalerie im Kaufhof dazu. Die meisten Bilder, die hier im Theater hängen, stammen aus dieser Zeit.

Wie kamen Sie vom Schmuck und der Kunst zur Kabarettbühne? War das ansatzlos oder gab es eine gewisse Orientierung hin zu diesem Thema?
Als Berliner sind wir immer wieder privat zu den Stachelschweinen (Kabarett, das 1949 in Westberlin gegründet wurde – Anmerkung der Redaktion) gereist. Aber eigentlich ist das vielmehr auf uns zugekommen, als dass wir es gesucht hätten. Eigentlich wollten wir ein Haus haben, in dem wir wohnen und arbeiten können, am liebsten stadtnah. Und da es das Haus hier in Alt-Heßlingen hergab, eben auch eine Kunstgalerie.

»Mir war das zu wenigund so haben wir
mit Kabarett angefangen.«

Und wie kommt man von der Galerie zum Kabarett?
Wir planten ein erhöhtes Podest in der Galerie, um Kunst-Performances durchführen zu können. Da ich im Kunstverein im Vorstand und auch im Theaterring engagiert war, hörte auch Ratsherr Helmut Zaddach von dem Bauvorhaben. Dazu muss man wissen, dass der Beirat des Theaterrings eine kleine Bühne suchte, und so erhielt das eine eigene Dynamik. Kabarett war am Anfang jedoch kein Thema. Der Intendant Günther Pentzoldt hat dann unser Podest mit Vorhängen und Steckdosen (lacht) bühnentauglich gemacht.
Einwurf von Dieter Rothe (DR): Das waren wirklich sehr viele Steckdosen!
Ja, überall mussten Steckdosen hin. Den anderen Teil haben wir dann gemacht, wir sind ja Architekten. Aber von Kabarett war keine Rede, das Theater hat hier Stücke aufgeführt und ab und zu Jazzkonzerte veranstaltet.

Aber irgendwann sind Sie dann selbst tätig geworden?
Mir war das zu wenig und so haben wir mit Kabarett angefangen. Am Anfang viel feministisches Kabarett, Lila Luder und solche Sachen. Das hat dann gleich eingeschlagen.

Und hat sich das von Anfang an getragen?
Nein, natürlich nicht. Geholfen hat der Getränkeverkauf. Überhaupt verdient man mit Kulturveranstaltungen kein Geld, zumindest verschafft es einem kein Einkommen. Was uns getragen hat, waren die Einnahmen aus Vermietungen im Haus und der Verdienst meines Mannes.

Und wurde auch von außerhalb wahrgenommen, was hier passiert ist?
Ja, unbedingt. Nicht nur die Stadt und die Presse haben uns unterstützt, sondern auch viele Leute aus dem VW-Werk. In der Zeit gab es kein so großes Angebot wie heute. Wir haben hier vor allem am Anfang viele Feiern für Firmen oder Vereine ausgerichtet. Man hatte schon das Gefühl „in“ zu sein.

Wie haben Sie Künstlerinnen und Künstler für Ihre Bühne gefunden?
Weil es damals noch kein Internet gab, hauptsächlich über das Fernsehen. Außerdem haben wir versucht, junge und noch unbekannte Kabarettisten zu engagieren. Und natürlich viel über Empfehlungen der Künstler selbst. Die Liste der Kabarettisten, die hier bereits gespielt haben, ist schon enorm! Neben Rüdiger Hoffmann auch Arnulf Rating, Ingo Appelt, Andreas Rebers und viele andere Namen, die heute berühmt sind.
DR: Ja, aber immer, als die noch ganz unbekannt waren und ganz wichtig: bezahlbar.

Wie viel Leidenschaft steckt denn noch in Ihnen beim Aussuchen der Künstler?
Nun, nach fast 25 Jahren bin ich Profi, die Leidenschaft ist dem gewichen. Hinter dem Buchen steckt auch ein wirtschaftliches Kalkül. Das ist immer eine Mischkalkulation. Am Ende des Jahres müssen die Qualität der Aufführungen und Kosten stimmen, die dadurch entstehen. Man muss natürlich auch den Geschmack des Publikums treffen.

Hat sich das Publikum in den letzten 25 Jahren verändert?
Tatsächlich ist unser altes Publikum immer noch da, es ist schlichtweg mit uns alt geworden. Und da die Veranstaltungen immer sehr früh ausverkauft sind, mischt sich wenig neues Publikum darunter. Offenbar ist der Eindruck entstanden, dass es bei uns nur selten noch Karten gibt. Aber man muss dankbar sein, wir haben wirklich ein treues Stammpublikum seit vielen Jahren.

Das heißt, es ist oft ausverkauft?
Ja, und ich mittendrin beim Versuch, die Gäste zu dirigieren, damit auch jeder seinen Platz bekommt, insbesondere die älteren Gäste. Fast wie ein Zirkusdirektor (lacht).
DR: Einmal saß hier der Oberstadtdirektor Professor Lamberg. Als meine Frau ihn in die erste Reihe beordern wollte, sagte er: „Ja, Frau Rothe, ich mache auch einen Kopfstand, wenn Sie das möchten.“

Warum liegt der Programmschwerpunkt auf dem politischen Kabarett?
Nun, man muss es als eine Entwicklung der letzten 25 Jahre betrachten. Zum einen war es eine Marktlücke, zum anderen liegt es auch an unserer Geschichte. Wir kommen ja aus dem Osten und sind sehr politisiert aufgewachsen. Nicht, dass wir jetzt links wären oder so, aber es gibt schon ein großes Interesse an dem Genre. Dazu muss ich sagen, dass insbesondere die sozial interessierten, die politischen Kabarettisten am bescheidensten waren und sehr angenehm aufgefallen sind.

Und in der Rückschau auf die letzten beinahe 25 Jahre – hat sich das Risiko mit einer fast privat betriebenen Kabarettbühne für Sie gelohnt?
Den Begriff Risiko würde ich ablehnen, ich hatte nie Angst.
DR: Also vielleicht bin ich der Ängstliche von uns beiden (lacht) ich hatte schon mal Angst, dass das schief geht.
Das hast du mir aber nie vermittelt. Nein, es war immer klar, dass wir da gemeinsam durchgehen. Und wenn im Büro meines Mannes mehr Arbeit anfiel, dann habe ich mich an den Zeichentisch gestellt und mitgeholfen, so wie die ganze Familie hier im Theater mitgeholfen hat. Nein, jetzt gucken Sie mich doch mal an, ich werde jetzt 78 Jahre alt: Mache ich den Eindruck, als würde ich irgendetwas bedauern oder gar bereuen? Nein. Ich hatte nie wirklich einen Traum. Ich bin eher eine Pragmatikerin und Macherin. Eines hat sich aus dem anderen entwickelt.

»Mache ich den Eindruck,
als würde ich irgendwas bereuen?«

Und wie sieht die Zukunft aus?
Also, ich hoffe natürlich, dass das mit dem Theater noch lange so weitergeht. Aber das Alter setzt Grenzen. Wenn man sich den Zollstock anschaut, dann sind da hinten halt nur noch drei Zentimeter übrig bei mir. Ich suche einen Nachfolger, der das Programm weitermacht und versuche dafür jetzt die Weichen zu stellen.

Wie kann man einen solchen Ausstieg gestalten?
Ich bin an die Stadt herangetreten und habe gesagt, dass ich aufhören werde, einen Nachfolger suche und hoffe, dass wir zu einer Lösung kommen. Wissen Sie, das Galerie Theater ist auch in seiner Größe etwas Besonderes in Wolfsburg und zugleich ist das Gebäude ein Denkmal in dieser noch so jungen Stadt. Hier im Vorraum, bei der Bar haben wir viele alte Schlösser, bäuerliche Gerätschaften, die aus den umliegenden Häusern kommen, gesammelt. Historie war früher nicht so mein Ding, heute schon, das bringt das Alter mit sich und deshalb hoffe ich auch, dass das Haus auch in der Zukunft gepflegt wird.