Lichter in der Stadt

Im Gespräch mit Stefan Krieger, dem neuen Leiter
des Geschäftsbereichs Kultur zum Artikel

Lichter in der Stadt

Text: Anna Deileke
Foto: Ali Altschaffel

Sein Herz schlägt für Wolfsburg – und neuerdings noch etwas intensiver für die Kultur in der Stadt. Die Rede ist von Stefan Krieger: Er ist der neue Leiter des Geschäftsbereichs Kultur und seit Anfang August Amtsnachfolger von Birgit Schneider-Bönninger.

Stefan Krieger

 
Neu in der Stadt ist der 53-Jährige bei Weitem nicht. Im Gegenteil, Stefan Krieger ist hier fest verwurzelt: Er ist hier geboren und aufgewachsen, hat eine Frau und einen Sohn sowie ein Haus am Stadtrand. Ganz klassisch. Bereits nach der Schulzeit absolvierte er seine Ausbildung im Wolfsburger Rathaus, es folgten verschiedene Stationen bei der Stadt. Fünf Jahre war er im Hauptamt und fünf Jahre im Personalamt tätig, außerdem knapp zehn Jahre Abteilungsleiter im Sozialamt, dann im Jugendbereich und schließlich Leiter des Fachbereichs Schule. Krieger war danach drei Jahre beim Regionalverbund für Ausbildung als Geschäftsführer tätig. Zuletzt war er gut zwei Jahre im Zuge einer befristeten Abordnung beim Landkreis Helmstedt als Vorstandsmitglied für die Bereiche Schule, Kultur, Sport, Jugend, Soziales und Gesundheit verantwortlich. Zukünftig wird er mitentscheiden, wie sich die Kulturlandschaft in Wolfsburg entwickelt. Wie er die neue Arbeit angeht, verrät er im freischwimmer-Interview.

»Kultur ist das, was Menschen miteinander
kreieren und wie sie ihr Zusammenleben
gemeinsam gestalten.«

„Auch in Wolfsburg ist Kultur nicht alles, aber alles ist nichts ohne Kultur.“ Ein schönes Zitat von Ihnen, das wir im Zuge Ihrer Amtseinführung gelesen haben. Lassen Sie uns einen Moment über den Begriff Kultur sprechen. Wenn Sie diesen erklären müssten, wie würden Sie dieses große Wort beschreiben?
Die Schwierigkeit bei dem Begriff Kultur ist ja, ihn kurz und knackig zu beschreiben. Wenn man sich die vielen Definitionen anschaut, gibt es eine Bandbreite von Formulierungen. Da muss jeder für sich selbst schauen, diesen Begriff zu verorten. Der ein oder andere versteht darunter Musik oder bildende Kunst, wieder andere bringen damit Themen wie Hochkultur oder Philosophie in Verbindung. Das, was ich unter Kultur verstehe, ist prägend für mein Amt und meine Arbeit. Deshalb habe ich für mich entschieden Kultur wie folgt zu interpretieren: Kultur ist das, was Menschen miteinander kreieren und wie sie ihr Zusammenleben gemeinsam gestalten – letztendlich das, was das Leben in einer Stadt lebenswert macht.

Haben Sie ein „schönstes“ Kulturerlebnis? Favorisieren Sie einen bestimmten Bereich von Kultur?
Wenn Sie mich danach fragen, ob ich eine dienstliche Vorliebe habe, dann kann ich darauf nur antworten: Nein. In meinem Amt bin ich für alle Bereiche zuständig. Dienstlich gibt es keine Vorzüge. Als Privatperson mag ich die Musik. Besonders die Gitarrenmusik und dabei vor allem Eric Clapton und die Rolling Stones.

Hören Sie die nur oder spielen Sie selbst?
Ich spiele selber sehr gern Gitarre. Mein Sohn teilt mein Interesse und spielt nicht nur gut Gitarre, sondern auch Saxofon. Ich erlebe den städtischen Bereich aus mehreren Perspektiven, unter anderem als hier wohnhafter Bürger und Vater. Da sind Institutionen wie die Musikschule eine tolle Sache. So bekommen junge Leute eine besondere Förderung.

Wenn Sie im nächsten Leben Musiker wären, was würden Sie wählen: Rock oder Klassik?
Das ist eine riskante Frage, damit könnte ich Leser verprellen (lacht). Also meine Musik wäre schon von E-Gitarren geprägt, aber gerade Rock ist ganz oft von der Klassik inspiriert. Auch im Kulturbereich gibt es diese Überschneidungen. Hier müssen wir zu beiden bzw. zu allen Genres einen Zugang schaffen. Die Frage, ob eine Idee, ein Projekt förderfähig ist oder nicht, muss unabhängig davon betrachtet werden, ob es einem persönlich gefällt oder nicht.

Sie sind Wolfsburger, sind hier zur Schule gegangen und haben bei der Stadt gelernt. Das bedeutet, Sie haben die Entwicklung und das Wachstum der Stadt Wolfsburg miterlebt. Welche Entwicklung ist Ihnen in positiver Erinnerung?
Wolfsburg ist eine Stadt, die relativ jung ist, und wir blicken auf eine recht kurze Geschichte zurück. Es gibt also keine lange Tradition von Kultur, die sich in vielen Facetten entwickelt hat. In der Entwicklung hat Volkswagen schon immer eine Rolle gespielt und schon früh dafür Sorge getragen, dass Ausstellungen und Konzerte organisiert wurden. Das war wichtig für die Stadt. Mit dem Bau des Theaters Ende der 60er-Jahre wurde ein wichtiger Grundstein gelegt. Mir ist dieser Bau vor allem deshalb gut in Erinnerung geblieben, weil meine Großeltern Anfang der 70er-Jahre ein Theaterabonnement „ergattert“ hatten und sehr stolz darauf waren. Ab und zu durfte ich mit. Das war damals etwas ganz Besonderes!

Und was hat sich verändert?
Ich kann mich gut daran erinnern, dass es viele Kneipen und Pinten in Wolfsburg gab, hier wurde im kleinen Kreis Musik gemacht, das waren Treffpunkte für Jung und Alt. Diese kleinen Treffpunkte sind meiner Wahrnehmung nach weniger geworden. Ich bin mir nicht so sicher, ob es diese Form der Kultur heute noch gibt. Das ist etwas schade. Dafür haben wir andere Highlights dazugewonnen: Das Kunstmuseum, die Autostadt, das Phaeno, um beispielhaft die „Großen“ zu nennen, sowie individuelle Einzelveranstaltungen und Großevents. Diese Leuchttürme sind wichtig für Wolfsburg, aber man muss darauf achten, dass auch die kleinen Laternen in den Seitenstraßen leuchten. Wolfsburg hat kein Defizit, dennoch gibt es Unterschiede zwischen großen und kleinen Institutionen. Das müssen wir im Blick behalten.

Wieso gibt es bei den Wolfsburger Bürgern noch immer kein „kulturelles Heimatgefühl“, wo es doch keine Defizite in der Stadt gibt? Muss man noch eine Attraktion erbauen oder sollte man andere an anderen Stellschrauben drehen lassen?
Ich bin Wolfsburger und ich nehme durchaus selbstkritisch wahr, dass wir schnell in eine hausgemachte Unzufriedenheit rutschen und über das jammern, was wir tatsächlich oder vermeintlich nicht haben. Vor meinem Amtsantritt habe ich mit meiner Frau sämtliche Flyer, Prospekte und Broschüren gesammelt, die ein kulturelles Angebot bewerben, wir haben ganze Tüten gefüllt. Das Angebot ist also doch viel größer, als man gemeinhin wahrnimmt. Das Heimatgefühl ist da, wird nur nicht laut ausgesprochen.

Es ist also ein Kommunikationsproblem?
Ja, durchaus – und das haben wir erkannt. So haben wir mit dem Kulturentwicklungsplan (KEP) erste Verbesserungen geschaffen. Zum einen gibt es mit der Kulturinfo eine Anlaufstelle für Kulturschaffende und -interessierte, zukünftig wird auch der Internetauftritt geändert. Es ist wichtig, auch die kleinen Angebote ins Gespräch zu bringen.

»Die Leuchttürme sind wichtig
für Wolfsburg, aber man muss darauf
achten, dass auch die kleinen Laternen
in den Seitenstraßen leuchten.«

Als Geschäftsbereichsleiter Kultur sind Sie auch verantwortlich für den Kulturentwicklungsplan der Stadt. Dieser wurde 2011 verabschiedet, wie geht es damit weiter?
Der KEP umfasst zehn Tätigkeitsfelder*, in jedem gibt es definierte Schlüsselprojekte. Intern verantwortlich für den weiteren Prozess der Umsetzung ist das Kulturwerk. Zug um Zug werden die Projekte weiterentwickelt, bei denen auch politische Entscheidungen notwendig sind. Diese bereiten wir vor. Zurzeit ist ein Workshop zu einem Teilbereich in Vorbereitung.

Wie stehen Sie zu diesem Entwicklungsplan?
Ich bin froh, dass es diesen Plan gibt, er bildet eine gute Basis für die Kulturarbeit. Die Krux mit solchen Plänen, die über einen langen Zeitraum geplant sind, ist allerdings die stetige Veränderung der Rahmenbedingungen. Eine Ziel- und Maßnahmenprüfung ist hier nächstes Jahr notwendig. Der KEP ist keine Bibel, sondern ein Leitfaden, der durchaus verändert werden darf. Das ist auch gut. Es wäre fatal, wenn dieser Plan ein Dogma wäre und nicht in Frage gestellt werden dürfte. Die Fortschreibung als eigene Aufgabe ist deshalb bereits im Plan selbst enthalten.

Am Tage Ihrer Amtseinführung hat der Kulturdezernent Thomas Muth kurz angedeutet, dass der finanzielle Wohlstand der Stadt nicht mehr lang anhalten werde. Das heißt übersetzt: Es wird bald gespart. Wie wird sich das auf Ihren Geschäftsbereich auswirken?
Es wird in der Stadt Wolfsburg ja nicht zum ersten Mal eine Phase mit weniger Geld geben, beziffern kann ich diese Prognose nicht, das ist auch nicht meine Aufgabe. Das Etatrecht hat der Rat der Stadt und hier wird entschieden, wie viel Geld dem Geschäftsbereich Kultur zur Verfügung steht. Wie sich Sparmaßnahmen auf den Kulturbereich auswirken, vermag ich heute nicht zu sagen. Fürs Jahr 2015 wird es nach heutigem Kenntnisstand zunächst keine existenziellen Veränderungen geben, wir werden auch eine Sparquote erbringen müssen, insgesamt unser Level aus diesem Jahr wohl aber halten.

Dann müssen sich die kulturellen Institutionen der Stadt Wolfsburg also keine Sorgen machen?
Nein, zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Und selbst wenn wir in Zukunft sparen müssen, kann ich mir nicht vorstellen, dass in Wolfsburg die Förderung von hundert Prozent auf null zurückgesetzt wird.

Der Kulturentwicklungsplan ist nur ein Teil Ihrer Arbeit. Konnten Sie sich in Ihren ersten Tagen schon einen guten Überblick verschaffen?
Richtig, wir arbeiten nicht ausschließlich am KEP. Es gibt darüber hinaus auch immer wieder Ideen zu anderen Projekten. Unsere Aufgabe ist es, die Kulturlandschaft zu fördern und dabei nicht nur Anwohner anzusprechen, sondern auch Touristen in die Stadt zu holen.

Haben Sie schon alle wichtigen Hände im Rathaus geschüttelt?
(lacht) Ich habe schon viele Hände geschüttelt, aber längst nicht alle. Allein der Geschäftsbereich Kultur hat knapp 200 Mitarbeiter. Mein Ziel ist es, im ersten Vierteljahr alle Bereiche besucht zu haben. Das ist neben den Terminen und dem Tagesgeschäft gar nicht so leicht. Die ersten Begegnungen waren positiv und spannend. Das freut mich.

Was reizt Sie an Ihrem neuen Amt?
Ich finde es spannend einen Bereich mitzugestalten, dessen Entwicklung ich als Bürger schon immer wahrgenommen habe. Jetzt darf ich daran teilhaben. Und (augenzwinkernd): Ich habe zwar nicht das schönste Büro, aber ich sitze im für mich schönsten Gebäude Wolfsburgs: Dem Alvar-Aalto-Kulturhaus, das immer wieder eine ganz besondere Atmosphäre versprüht. Das ist das i-Tüpfelchen auf das ich mich freue, wenn ich morgens zur Arbeit gehe.

 

* Zehn Schwerpunkte für die Kulturentwicklung in Wolfsburg:
1. Kulturelles Erbe und Erinnerungskultur
2. Orts- und Stadtteilkultur, Soziokultur und Bürgerengagement
3. Jugendkultur, Subkultur, Freie Szene und Offene Räume
4. Internationalität, Integration und Interkultur
5. Kulturelle Bildung
6. Zeitgenössische Kunst
7. Baukultur
8. Theater, Musik, Literatur und Veranstaltungskultur
9. Wissenschaft und neue Technologien
10. Kulturmarketing und Kulturförderung, Kultur- und Kreativwirtschaft