Die Kunst, Welten zu entdecken

Im Gespräch mit Dr. Ralf Beil, dem neuen Direktor
des Kunstmuseums Wolfsburg zum Artikel

Die Kunst, Welten zu entdecken

Text: Anna Deileke
Foto: Ali Altschaffel

Wir haben uns in Darmstadt mit Dr. Ralf Beil getroffen, der am 2. Februar 2015 seine neue Arbeitsstelle in Wolfsburg antritt. Der neue Mann an der Spitze des Kunstmuseums wirkt frisch und dynamisch, spricht schnell und viel, ist dabei sympathisch und versprüht positive Energie. Erfahren Sie mehr über seine Vita, seine Ambitionen zum Wechsel und seine Visionen für die Stadt Wolfsburg.

Dr. Ralf Beil

 
Herr Beil, Sie sind in Japan geboren. Ein besonderes Geburtsland – wie ist es dazu gekommen?
Sie können sich vorstellen, dass das nicht ganz allein an mir lag (lacht), sondern eher an meinen Eltern, die sich Anfang der 60er- Jahre entschieden haben, Deutschland zu verlassen. Sie haben alle Zelte abgebrochen, um in Japan in der Textilbranche Fuß zu fassen. Ich bin 1965 in der Hafenstadt Kobe geboren worden und habe dort meine ersten vier Lebensjahre verbracht. Danach ging es für uns nach Hongkong.

Können Sie sich an diese Zeit erinnern?
Nur an einige Details: Wir hatten eine Wohnung am Hang mit Blick auf die Floating Markets von Aberdeen. Zu Ostern haben wir am Strand bunte Plastikeier gesucht – und es gab tolle Karnevalsfeste.

Nach acht Jahren in Asien gingen Ihre Eltern 1972 zurück nach Deutschland, Sie waren sieben Jahre alt. Wohin genau?
Mein Vater hat ein Angebot von einer Textilfirma bei Aschaffenburg bekommen. Allerdings war dies nur eine kurze Zwischenstation, denn dann zog es uns nach Hamburg und Schleswig-Holstein. Daher kommt meine Sprache und ein Teil meines Naturells: Ich mag Direktheit und Transparenz und bin durchaus auch mal ungeduldig.

Und wie sind Sie zur Kunst gekommen?
Die Schulzeit in Hamburg und Quickborn hat mich nicht nur sprachlich geprägt. Ich hatte in den 80er-Jahren einen kreativen Alleskönner als Lehrer, der mein Interesse an der Kunst und Kultur geweckt hat. In der Oberstufe habe ich mich dann viel mit Literatur beschäftigt und so habe ich nach meiner Zeit bei der NATO in Belgien in Freiburg Germanistik im Hauptfach und Kunstgeschichte sowie Philosophie in den Nebenfächern studiert. Das ist für mich nach wie vor eine perfekte Mischung, denn in der Kunst sind Sprache und Philosophie ganz elementare Bindeglieder zwischen Künstler, Kurator und Betrachter.

Norddeutschland war nur zur Schulzeit eine Station in Ihrem Lebenslauf, für Ihr Studium haben Sie nach Süddeutschland Ende der 80er-Jahre Frankreich gewählt. Warum?
Ich wollte in einen anderen Kulturraum, in eine große spannende Stadt – und da hat es mich in die französische Kapitale gezogen, ein wichtiger Schauplatz für alte Kultur wie für Gegenwartskunst. Hier ergab Germanistik als Hauptfach wirklich keinen Sinn, sodass ich mich an der Sorbonne für Kunstgeschichte eingeschrieben habe. Gewohnt habe ich in einem HLM* am Rande der Stadt in einer kleinen WG mit einem Libanesen. Unsere Wohnung lag im 15. Stock mit Blick auf den Eiffelturm. Ein nobles Refugium mit Sonnenuntergang rundum und Käfern in Flur, Küche und Bad (lacht).

Das ist ja filmreif! Wie ging es weiter?
Ich habe eine tolle Zeit in Frankreich verbracht und 1990 meine Maîtrise mit den Schwerpunkten Europäische Kunst des 19. Jahrhunderts sowie Internationale Kunst des 20. Jahrhunderts und Globale Gegenwartskunst absolviert. Danach habe ich viel praktisch gearbeitet und für das Kunsthaus Zürich und das Casino Luxembourg erste große Ausstellungen organisiert, bevor ich als Kunstkritiker für Magazine wie „Kunstforum International“ oder für Tagespresse wie die „Neue Zürcher Zeitung“ geschrieben habe.

Sie sprechen fließend Englisch und Französisch, ein paar Worte Japanisch und selbst auf Italienisch und Spanisch können Sie mehr als nach dem Weg fragen – wie sieht es mit dem Schweizerdeutsch aus?
In der Schweiz haben meine Frau und ich sieben Jahre gelebt, ich arbeitete an den Kunstmuseen in Lausanne und Bern zu dieser Zeit. Dort sind auch unsere beiden Töchter zur Welt gekommen. Sie sind echte „Bärner Meitschi“** und haben den Dialekt bis heute drauf. Ich habe zwar alles verstanden, aber mich beim Sprechen stets zurückgehalten. „Schwiizerdütsch“ ist nur was für Profis, als „Zugereister“ macht man sich damit in der Schweiz schnell lächerlich.

Hat Kunst in Frankreich einen höheren Stellenwert als in Deutschland?
Nein, ganz und gar nicht. Deutschland ist nach wie vor das Land mit der größten Kultur- und Kunstinfrastruktur. Frankreich ist zentralisiert: Alles richtet sich auf Paris aus. Hier in Deutschland kann man auch in kleineren Städten spannende Sachen machen, die wahrgenommen werden. Es ist ein riesiger Vorteil, dass wir dezentral und föderal organisiert sind.

Gilt das auch für Wolfsburg?
Ganz genau, hier ist aus der Kunst- und Ausstellungsperspektive von Beginn an Beeindruckendes entstanden. Ich habe die Entwicklung am Kunstmuseum immer aufmerksam beobachtet. Gijs van Tuyl und Markus Brüderlin haben hier exzellente Arbeit geleistet, die in der Kunstszene immer wieder für Furore gesorgt hat.

»Deutschland ist nach wie vor das Land mit der größten Kultur- und Kunstinfrastruktur.«

Und nun, nach neun Jahren in Darmstadt, werden Koffer und Kisten gepackt und Sie und die Familie kommen gemeinsam nach Wolfsburg?
Wenn das so einfach wäre! Wir würden gerne direkt in Wolfsburg wohnen, aber Sie kennen ja sicher den Wohnungsmarkt. Es gibt kaum freie Mietobjekte, die zu unserer derzeitigen Lebenssituation passen. Meine Kinder – 11 und 12 Jahre – wünschen sich eigene Zimmer, meine Frau und ich brauchen Platz für unsere vielen Bücher, und ein Flügel gehört mittlerweile auch zur Familie. Wir sprechen also von einer Wohnfläche von mindestens 160 qm, eher mehr.

Kennen Sie denn die Stadt und welchen Teil favorisieren Sie?
Bislang kenne ich vor allem den Bahnhof und die Fußgängerzone, aber auch Fallersleben und ein paar weitere Stadtteile, die ich mit meiner Frau angeschaut habe, wie zum Beispiel Detmerode, Rabenberg, die Nordstadt oder auch den Steimker Berg. Natürlich habe ich mich in die Geschichte der Stadt eingelesen und auch das Phaeno und die Autostadt sind mir ein Begriff. Am besten gefällt uns bisher der Steimker Berg – da hat Koller*** tatsächlich etwas richtig gemacht.

Käme denn das Umland oder Pendeln für Sie in Frage?
Ungern, ich bin zwei Jahre von Bern nach Lausanne gependelt und habe viele, viele Stunden im Zug verbracht – das möchte ich nicht mehr machen. Außerdem sollen unsere Kinder ihre Schule zu Fuß oder mit dem Rad erreichen können. Aber aus lauter Verzweiflung haben wir uns bereits Wohnungen im Raum Braunschweig, Berlin und Hannover angeschaut, weil es in Wolfsburg nichts Passendes gibt – zumindest bisher.

Also gibt es eine Zwischenlösung?
Richtig, ich habe für mich vorübergehend eine kleine Unterkunft am Steimker Berg gefunden. Im ersten halben Jahr wird meine Familie in Darmstadt bleiben, so kann ich mich auf den Start im Museum und die Wohnungssuche konzentrieren. Ein idealer Umzugstermin wäre nach den Schulferien im September. Wir möchten möglichst schnell wieder zusammenleben.

Das Kunstmuseum wurde erst vor 20 Jahren gebaut. Sie „ziehen“ also in eine junge Architektur – ein gewaltiger Unterschied zur Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe, die um 1900 erbaut wurde. Hat dies Vor- oder Nachteile?
Wolfsburg ist zum Glück ganz anders und nach neun Jahren ist es an der Zeit, sich auf Neues einzulassen. Ich konnte sehr viel realisieren auf der Mathildenhöhe, ich kenne jeden Winkel meines Musenhügels, das Team ist sehr gut eingespielt und die Künstlerkolonie wird bestenfalls 2019 Weltkulturerbe. In Wolfsburg kann ich hoffentlich ganz eigene Impulse setzen. Ich freue ich mich auf die Größe und Flexibilität der Ausstellungsräume. Das ist etwas, was mich als „Ausstellungsmacher“ natürlich besonders reizt. Zudem profitiert das Haus in Wolfsburg von einem professionellen Team und tollen Strukturen in der Administration.

Kennen Sie ihr neues Team bereits?
Nicht alle, aber einen Großteil. Und ich habe ein gutes Gefühl. Das Kunstmuseum ist der perfekte Ort für zeitgenössische Kunst, für einen intensiven Dialog zwischen Künstlern, Kuratoren und Besuchern – und genau das will ich! Wir haben hier die Chance, uns gemeinsam und kreativ mit Geschichte und Gegenwart auseinanderzusetzen – und die Welt mittels Kunst und Kultur zu entdecken.

Wie wollen Sie das machen? Welche Ideen bringen Sie mit?
Ich möchte die ganze Stadt und Region involvieren, auf die Menschen zugehen und mit möglichst vielen Institutionen zusammenarbeiten. Ich hoffe, dass der Großraum Wolfsburg noch dynamischer ist als Darmstadt und Rhein-Main. Mein Wunsch ist, dass wir hier aufregende Ideen und große Projekte unbürokratisch auf den Weg bringen können. Dazu gehört am Anfang auch eine gemeinsame Bestandsaufnahme im Team, in der wir jedes Element des Museumsbetriebs auf seine Betriebstüchtigkeit untersuchen: vom Empfangsbereich über die Ausstellungsrhythmen bis hin zu Logo und Hausschrift.

»Wichtig ist, dass die Besucher unser Museum mit neuen Erfahrungen und Gedanken verlassen.«

Das Kunstmuseum ist weit über die Stadtgrenzen bekannt, „erste Liga“, wie Sie selbst gesagt haben. In Wolfsburg spielt auch der VfL Wolfsburg als Erstligist in der oberen Tabellenhälfte. Ich möchte behaupten, jeder Wolfsburger war schon mal im Fußballstadion, aber nicht einmal die Hälfte im Kunstmuseum. Ist es schwer, Menschen für Kunst zu begeistern?
Wir können nicht jeden erreichen, ein gewisses Grundinteresse muss vorhanden sein. Oder zumindest die Bereitschaft, sich interessieren zu lassen. Dennoch: Ein Museum muss mit Leben gefüllt sein. Unsere Aufgabe ist es, die Besucher einzufangen. Sie sollen mit allen Sinnen in die Ausstellungen gezogen werden, denn es geht ganz fundamental ums Sehen, Hören, Fühlen, Denken – im Verbund mit unserem hauseigenen Restaurant sogar ums Schmecken. Ich will etwas Besonderes bieten, nicht nur einen Themenpark oder Freizeitparcours, sondern eine spezielle Art, die Menschen gedanklich und körperlich abzuholen. Das ist mein Idealbild. Wichtig ist, dass die Besucher unser Museum mit neuen Erfahrungen und Gedanken verlassen.

Sie haben viele neue Ideen im Kopf und schon zahlreiche Ausstellungen erfolgreich realisiert. Welche ist rückblickend die schönste gewesen?
Die schönste ist immer die nächste – laut Harald Szeemann****, also die, die man gerade vorbereitet. Das ist auch für mich tatsächlich so. Ich könnte mich nur schwer auf eine einzige Schau festlegen. Es gibt zu viele Erfahrungen und Erinnerungen bei jeder Ausstellung, die ich nicht missen möchte.

Worauf können sich die Wolfsburger und die Kunstszene freuen?
Ab Februar möchte ich insbesondere das Programm für die nächsten Jahre festzurren und eine große Sammlungsoffensive starten – die meisten Ausstellungen für 2015 stehen ja schon fest. Im Frühjahr 2016 folgt der eigentliche Startschuss mit „Wolfsburg Unlimited“, einem großen, interdisziplinären Ausstellungsprojekt, das die Stadt im Museum und das Museum in der Stadt spiegelt. Schon jetzt sind erste Künstler, Fotografen, Architekturhistoriker und Signaletiker eingeladen. Und danach gibt es dann kein Halten mehr… (lacht).

 


* HLM (Habitation à loyer modéré): Sozialwohnungsbau
** Bärner Meitschi: Berner Mädchen
*** Peter Koller: Wolfsburgs Stadtplaner in den 40er- und 50er-Jahren
**** Harald Szeemann: legendärer Schweizer Ausstellungsmacher (1933-2005)