Zwischen Arduino
und Adrenalin

Die Phaenomenale erfindet sich neu zum Artikel

Theatermacher

Text: Marc Halupczok
Foto: Ali Altschaffel

Intendant Rainer Steinkamp und Autorin/Schauspielerin Dagmar Papula über einen herausragenden, unangepassten und nicht immer einfachen Bürger, der wie kein anderer auch für das Spannungsfeld zwischen Diktatur und Demokratie steht: Hoffmann von Fallersleben.

Norbert Kentrup als Hoffmann von Fallersleben mit Drehbuchautorin und Schauspielerin Dagmar Papula während der Generalprobe Mitte August

 
Er ist der berühmteste Sohn der Stadt. Am 14. September feiert im Theater ein Stück über das aufregende Leben des Dichters und Germanisten Premiere. Große Projekte erfordern einen gewissen Vorlauf. Das Stück „Ich konnt’ das Maul nicht halten“ ist ein solches. Die Autorin Dagmar Papula musste sich erst durch rund 5.000 Seiten Lektüre arbeiten, um zumindest ein gewisses Bild von ihrem Protagonisten, der im Stück von Norbert Kentrup dargestellt wird, zu gewinnen.

»Er war wahrscheinlich kein
einfacher Zeitgenosse, er galt
als undiplomatisch, depressiv und
manchmal auch arrogant.«

Frau Papula, wie ist es zum Theaterstück über Hoffmann von Fallersleben gekommen?
Dagmar Papula (DP): Ich wurde vor vier oder fünf Jahren vom Theater und Rainer Steinkamp angesprochen, ob ich mir ein Stück über Hoffmann von Fallersleben vorstellen könnte. Daraufhin las ich seine Auto­biografie, um festzustellen, ob ich Zugang zu dieser Person bekomme – und den habe ich gefunden. Hoffmann von Fallersleben war kein Siegertyp, er stand nicht auf der Sonnenseite des Lebens, sondern kam aus einfachen bürgerlichen Verhältnissen. Er war ein sehr verletzbarer Mensch, der immer wieder kämpfen musste. Aber er hatte auch viele Ecken und Kanten. Bewundernswert fand ich die Tatsache, dass er seiner deutlich jüngeren Ehefrau Ida vom Berge auf Augenhöhe begegnete, was damals noch nicht üblich war. Ich glaube, dass er aus diesen Gründen auch heute noch als Identifikationsfigur taugt.
Rainer Steinkamp (RS): Viele Menschen aus der Region kennen wahrscheinlich das „Deutschlandlied“ und einige seiner Kinderlieder. Aber die Geschichte seines wechselhaften, teilweise dramatischen Lebensweges ist nicht so geläufig. Er war wahrscheinlich kein einfacher Zeitgenosse, er galt als undiplomatisch, depressiv und manchmal auch arrogant. Aber er prägte den Freiheitsbegriff und hielt immer an seinen Idealen fest. Ich erinnere mich daran, dass wir vor rund vier Jahren die ersten Gespräche führten, auch im Hinblick auf die 75-Jahr-Feier der Stadt Wolfsburg und die 40-Jahr-Feier des Theaters, die beide zusammenfallen. Witzigerweise kam ich selbst in Braunschweig zum ersten Mal in Kontakt mit von Fallersleben, weil ich das gleichnamige Gymnasium besuchte. Dort nahmen wir einige seiner Werke durch, was mir dann später zugute kam.

»Ich bin überzeugt davon,
dass wir positive Resonanzen
ernten werden.«

Hoffmann von Fallersleben ist nicht nur der berühmteste Sohn der Stadt, sondern hat in Werken wie „Unpolitische Lieder“ auch Themen angesprochen, die uns bis heute beschäftigen. Was macht den Dichter Hoffmann aktuell?
DP: Die Diskussion um Manager-Boni und Mindestlöhne, also die Schere zwischen Arm und Reich und die damit verbundenen Ungerechtigkeiten, tauchen in seinen Gedichten ebenso auf wie die Problematik der Zensur, die zu von Fallerslebens Zeit in den vielen kleinen deutschen Kleinstaaten ein wichtiges Thema war und unter der gerade Dichter wie er litten. Wer heute die Diskussionen um Edward Snowden und das Abhören von Telefon- und Internetverbindungen verfolgt, wird feststellen, dass sich inhaltlich gar nicht so viel verändert hat. Nur die Mittel sind andere.

Wird das in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
DP: Als ich anfing über den Autor zu recherchieren, schien er mir fast ein wenig vergessen. Ich wurde, wenn überhaupt, in Antiquariaten fündig. Aber in letzter Zeit wird von Fallersleben vom Feuilleton wiederentdeckt. Erst kürzlich las ich ein Zitat von ihm in der Süddeutschen Zeitung.

Hoffmann ist bis heute umstritten – oder sagen wir streitbar. Was macht ihn für uns hier in Wolfsburg interessant?
RS: Er ist der Autor des Deutschlandliedes, dessen erste Strophe von der Nazi-Diktatur missbraucht wurde, dessen dritte Strophe aber für unsere Demokratie steht. Wolfsburg wurde von den Nationalsozialisten gegründet, die Geschichte der Stadt ist aber weitestgehend eine demokratische. Wolfsburg spiegelt sich also deutlich in Hoffmann von Fallerslebens Werk.

Um dem Dichter einen würdigen Rahmen zu bieten, betreiben alle Beteiligten einen großen Aufwand. Nach ersten Proben in Berlin zieht das komplette Ensemble nach Wolfsburg, um dort Details einzustudieren und die eigens angefertigten Bühnenaufbauten anzupassen.
DP (zeigt sich begeistert): Es ist unglaublich, dass wir vier Wochen in Wolfsburg proben dürfen. So haben wir ganz andere Möglichkeiten uns auf die Gegebenheiten vor Ort einzustellen.
RS: Für uns ist es bedeutsam, dass wir freie Gruppen mit einem Stück beauftragen können und dieses finanzieren. Denn wenn es später an anderen Theatern gezeigt wird, ist das auch Werbung für Wolfsburg und sein Theater. Erstmal bekommen aber die Einheimischen die Chance, sich genauer mit „ihrem“ Hoffmann von Fallersleben zu beschäftigen. Am ersten September wird es einen Einführungsabend mit allen Ensemblemitgliedern, dem Regisseur Matthias Witting und den Bühnenbildnern geben. Zwei Wochen später läuft „Ich konnt’ das Maul nicht halten“ dann an.

Herr Steinkamp, Sie haben schon größere Einblicke in das Stück, was dürfen wir erwarten?
RS: Es war spannend, so lange ein Teil des Prozesses zu sein. Ich bin niemand, der im Vorfeld schon zu hohe Erwartungen schüren möchte. Aber ich habe einige Proben beobachtet und bin überzeugt, dass wir positive Resonanzen ernten werden. In dieser Spielzeit wird „Ich konnt’ das Maul nicht halten“ im Erwachsenen-Bereich am häufigsten gespielt, was einiges über den Stellenwert des Stücks aussagt.

 

Hoffmann von Fallersleben
Geboren als August Heinrich Hoffmann (1798-1874), wurde er unter seinem Künstlernamen Hoffmann von Fallersleben zu Lebzeiten ein berühmter und wohlhabender Mann. Er ist der Dichter des Deutschlandlieds und bis heute umstritten und faszinierend zugleich. Ein rastloser Literaturwissenschaftler, erfolgreicher Poet, Ikone der demokratischen Revolution von 1848 und gleichsam provinziell im Denken und fremdenfeindlich.