Der eigenwillige
Herr Schneider

Ein Gespräch mit Christian Schneider, dessen Vater eine der größten 35mm-Filmsammlungen in deutscher Sprache zusammengetragen hat zum Artikel

Der eigenwillige Herr Schneider

Text: Nikolaus Hausser
Foto: Ali Altschaffel

Eine junge Stadt mit einer kurzen Geschichte, mit reichen Geschichten indes, von Menschen die hier leben und gelebt haben. Das Bild Wolfsburgs entsteht im Spiegel dieser Lebensverläufe; eine besonders interessante Geschichte ist die des Wolfsburger Steuerberaters Wolfgang Schneider. Er, der lange Jahre in Ehmen lebte, war Filmsammler – und das über sehr lange Zeit. Seine imposante Sammlung von 35mm-Filmen (analoger Kinostandard) gilt als eine der größten privaten Sammlungen von Filmen in deutscher Sprache. Schneider verstarb im Juni 2011, die Sammlung ist in Wolfsburg zwischengelagert. Noch ist ungeklärt, was mit seinem Erbe geschehen soll.

Ein Teil der Filmsammlung Schneider in seiner derzeitigen Lagerstätte. Nicht alle Filme haben Platz in den Regalen

 
Um das Leben und die Sammelleidenschaft von Wolfgang Schneider zu verstehen, haben wir mit Christian Schneider gesprochen, einem seiner Söhne. Er lebt in Hamburg und betreibt einen Friseursalon im Hamburger Stadtteil Rotherbaum.

„Mein Vater war ein Arbeitstier. Egal, ob es die Arbeit war, der Sport, selbst wenn er in unserem Garten etwas gemacht hat: Er hatte eine unglaubliche Energie, er war nicht müde zu kriegen, lebte, als sei er immer 35 Jahre alt. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, legte er seinen Anzug ab, zog sich einen blauen Arbeitskittel an und verschwand in seinem Kino. Er war immer sehr fokussiert auf die Dinge, eigenwillig und konsequent. So hat er alles betrieben, auch seine Filmleidenschaft.“

Mittlerweile hat die Sammlung von Christian Schneiders Vater schon einige Wellen geschlagen und ist nicht mehr nur allein von privatem Interesse. Für die Öffentlichkeit ausgegraben hat sie Bernd Rodrian, der Leiter des Instituts Heidersberger und Fotokolumnist der Rubrik „Homebase“ dieses Magazins.

In Schneiders Haus kam er vor einigen Jahren, als ihn der schon sehr kranke Schneider einlud, Bilder von Heinrich Heidersberger zu schätzen. Neben Filmen sammelte Schneider Kunst, wie etwa die Heidersbergers oder des Braunschweiger Bildhauers Jürgen Weber. Rodrian war zunächst von der Architektur des Schneider-Bungalows begeistert, der mit viel Naturstein und seiner (offenen) Bauart an die ikonischen Case-Study-Houses amerikanischer Bautradition erinnert. Für die Kolumne im freischwimmer porträtierte Rodrian dann das Haus Schneiders (Ausgabe 22, „Schneiders Bungalow“) und verstand nach und nach, dass die eigentliche Sensation in der Filmsammlung Schneiders, den vielen 35mm-Kopien lag, die sich unüberschaubar in den Kellern und Kammern stapelte.

Über Volker Kufahl, den Leiter des Braunschweiger Filmfestes, gelangte die Geschichte dann zum Dokumentarfilmer Florian Krautkrämer, der einen halbstündigen, fast poetischen Film über den Filmsammler Schneider drehte*. Im Wolfsburger Kunstverein stellte Justin Hofmann im Frühjahr 2012 diverse Exponate dieser Sammlung in seinem „Raum für Freunde“ aus. Auch die Lokalpolitik interessierte sich mal mehr, mal weniger für den Fall, denn es ging auch darum, ob die Filmsammlung einen erheblichen Schatz für die Öffentlichkeit darstellt, den man (für die Stadt) heben und bewahren muss.

Nach einer kurzen Erörterungsphase verlor sich das Thema in Verwaltung und Politik. Denn bedauerlicherweise ist die Sammlung zwar unter cinephilen Gesichtspunkten durchaus eine Sensation, jedoch pekuniär eher eine Belastung als ein wirklicher Schatz und zudem schwer zu bewerten. Zwar gibt es viele Kurz-, Kunst- und Spielfilme sowie Dokumentationen, die es in dieser (35mm-) Qualität nicht mehr gibt, allerdings ist das Erhalten der Kopien, das Lagern, Archivieren etc. so aufwändig und teuer, dass der kulturelle Wert – so wird vermutet – in keinem Verhältnis zu diesem (auch finanziell erheblichen) Aufwand steht. So wird die Sammlung über kurz oder lang aufgelöst werden, das Erbe des alten Schneiders verschwinden. Ein Erbe, welches der Stadt bestimmt gut zu Gesicht gestanden hätte, vielleicht besser als mancher Versuch das Stadtimage zu verbessern. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wolfgang Schneiders Leben in Wolfsburg beginnt zu einer nicht nur für die Stadt sehr bewegten Zeit. Die 50er- und 60er-Jahre sind die Jahre des Wirtschaftswunders. Die Stadt des Volkswagenwerkes prosperiert, es wird gebaut; es muss gebaut werden, denn die Stadt besteht fast gänzlich aus Baracken.

In dieser Goldgräberstimmung werden viele Geschäfte gemacht und mittendrin zwischen Bauunternehmern, Fuhr­werkern, Versicherern und Händlern etabliert sich als Steuerberater: Wolfgang Schneider. In Ehmen errichtet der junge Familienvater einen schicken Bungalow am Dorfrand. Schon hier zeigt sich seine Liebe zu den Künsten, das Haus zeugt mit seiner Architektur davon. Der reich verwendete Naturstein (natürlich von Billen), die Kunst (Jürgen Weber, Heinrich Heidersberger) im, am und um das Haus spricht von gesättigtem Wohlstand, kulturellem Interesse und Geschmack – und von einer Verbundenheit mit der Region. In den Keller baut sich Schneider sein eigenes kleines Reich: ein richtiges Kino mit Leinwand, Vorhang, einem Vorführraum mit zwei Projektoren, Schneidetisch und so weiter.

„Das war etwas sehr Außergewöhnliches in meiner Kindheit, nicht nur für uns Kinder. Regelmäßig waren Freunde, Mitarbeiter oder Geschäftskollegen da und dann wurde Kino geschaut, später der Kamin angefeuert, Cognac gereicht und dann über den Film gesprochen. Das waren lange und schöne Abende. Mein Vater hat das richtig inszeniert und vorher beispielsweise genau geschaut, welchen Vorfilm er zeigen möchte. Heidersberger war zum Beispiel des Öfteren da, einer seiner Lieblingsfilme war ,Die Kinder des Olymp‘ von Marcel Carné. Wir Kinder mochten die Zeichentrickfilme, später erinnere ich mich an Abenteuerfilme wie ,Lawrence von Arabien‘.“

Schon früh in seinem Leben kam der Vater mit dem Medium Film in Kontakt. Die Leidenschaft entwickelte sich und nachdem ihm amerikanische Soldaten direkt nach dem Krieg neben Wochenschauen auch einige Walt Disney-Kopien schenkten, entstand wohl die Lust, Filme auch zu besitzen und so jederzeit auf deren Inhalte zugreifen zu können. Ungewöhnlich war das in diesen Tagen allemal, da es noch Jahrzehnte dauern sollte, bis die Heim­videothek erfunden wurde. Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, ist der Zugang zu Filmen fast immer und zu jeder Zeit möglich, damals war das undenkbar.

„Es war auch für Gäste offenkundig sehr beeindruckend, denn wer hatte das schon in dieser Zeit? Vielleicht eine Sauna oder eine Bar, aber ein richtiges Kino? Man muss sich vergegenwärtigen, dass es in manchen privaten Haushalten zwar vielleicht 8mm-Projektoren gab (zum Abspielen von selbst gedrehten Super-8-Filmen), meist waren diese jedoch ohne Ton und spielten maximal eine halbe Stunde. Da waren zwei Stunden Kino mit einem richtig satten Ton etwas ganz anderes. Wenn ich dann Freunde am Geburtstag zu uns ins Kino einladen durfte, dann war das ein echtes Highlight, auf dem Pausenhof wurde noch tagelang darüber gesprochen. Selbst heute noch sprechen mich Jugendfreunde an und sagen: ,Weißte noch, den Film Soundso, den wir im Keller geschaut haben ...‘. Das war schon prägend.“

Ein Visionär war Schneider offenbar. Er suchte stets nach guten Filmen, baute so seine beeindruckende Sammlung auf, von amerikanischen Stummfilmen über Orson Welles’ „Falstaff“ bis hin zu französischen Nouvelle Vague-Werken. Natürlich sammelte er auch Mainstream, Kracher dieser Jahre, darunter so erfolgreiche Streifen wie „Ben Hur“, „Love Story“, „Über den Dächern von Nizza“ oder „Star Wars“. Wohlgemerkt: Kinokopien in 35mm, keine DVDs oder Blu-Rays! Pro Film macht das mindestens vier oder fünf sehr große und schwere Rollen in großen Pappkisten aus, locker über 20 Kilogramm schwer. Allein die hier aufgezählten Filme würden sich vom Boden bis zur Decke stapeln! Und Schneider war und blieb ein eifriger Sammler und Perfektionist. Am Ende hatte er weit über tausend Filme zusammengetragen. Ans Haus wurde angebaut um Lagerplatz zu schaffen, sogar zusätzlicher Raum musste angemietet werden. Schneider sah sich aber nie als reinen Sammler; er liebte den Film, arbeitete sich systematisch in Themen ein und fahndete gezielt nach bestimmten Titeln. Nach einem strengen Büroalltag zog sich der Filmfan in den Keller zurück um Listen zu führen, Filme zu schneiden, zu sichten oder vorzuführen. Das alles ging natürlich auch auf Kosten des Familienlebens. Dies ist deutlich zu spüren, wenn man mit Familienmitgliedern oder Freunden der Schneiders spricht. Das „Hobby“ des Vaters drängte vieles an den Rand, was in den meisten Familien in den Mittelpunkt gehört.

„Er war als Vater eher distanziert, hatte eine enorme Erwartungshaltung an uns und war niemand, der einen mal einfach so in den Arm genommen hat. Gleichzeitig muss man sagen, dass er uns immer unterstützt hat, er war als Vater zur Stelle.“

So wuchsen die Söhne und Töchter mit einem Vater auf, der sich scheinbar mehr für seine Arbeit und die Kinokultur interessierte als für seine Kinder (wobei dies für die Väter dieser Generation nicht ganz untypisch ist). In Krautkrämers „Der Filmsammler“ gibt es schöne, aber auch schauderhafte „private“ Super-8-Filme zu sehen, die Schneider selbst gedreht hatte. Auf den kleinen Rollen sieht man den Garten, manchmal von Tieren bevölkert oder im wechselnden Licht der verstreichenden Jahreszeiten. Was immer fehlt: die Familie. So scheint es von außen betrachtet nicht verwunderlich, dass Schneider in den 70er-Jahren seine Familie verliert. Die Frau zieht aus, die Kinder entfernen sich vom Vater, man sieht sich nur noch am Wochenende.

„Der Film ging schon sehr unter die Haut, er ist ja auch sehr emotional, bei mir kamen einfach viele Erinnerungen hoch. Ich habe noch einmal Abschied genommen von ihm. Aber der Film ist schon klasse und es stimmt, mein Vater war einfach kein Familienmensch, das muss man sehen. Ihm hat sein Kosmos gereicht und durch seine Filme hatte er eigentlich alles, was er brauchte. Da ich mich auch für Filme interessiert habe, war es ja auch schön, denn es gab immer ein Thema über das man sich mit ihm wirklich unterhalten konnte.“

Traurig wird es für Schneider, als er aufgrund seiner Diabetes und seines Alters kaum mehr die Kisten und Filmrollen halten kann und seine große lebenslange Leidenschaft mit den 35mm-Kopien aufgeben muss. Die Sammlung beginnt ihm zu entgleiten, erst kann er nur noch mit Hilfe Filme zeigen, dann gar nicht mehr.

„Klar war das traurig, vor allem wenn man sieht, was übrig bleibt nach so einem Leben.“

Wolfgang Schneider starb 2011 achtzigjährig und hinterließ seiner Familie, seinen Freunden und Bekannten seine Sammlung, sein Lebenswerk und auch die Verantwortung dafür. Im Augenblick lagern die Filme in unzähligen Kisten, in vielen Regalen in Wolfsburg und warten auf ihr Urteil. Bleibt die Sammlung zusammen? Oder wird sie zerschlagen und aufgeteilt? Bleiben die Sahnestücke erhalten, während der Rest auf die Deponie wandert? Man hat den Eindruck, dass selbst Christian Schneider, der die Verantwortung dafür übertragen bekommen hat, noch nicht weiß, wohin die Reise der Sammlung geht, denn dem erklärten Willen, sie zusammenzuhalten oder das Erbe des Vaters zu sichern, steht der immense Aufwand gegenüber, den eine solche Aufgabe mit sich bringt. Zumindest die Geschichte des passionierten Wolfsburger Sammlers sollte erhalten bleiben, denn sie ist besonders und hat eine tragische Fallhöhe wie alle guten Geschichten – nicht nur in Wolfsburg.