Ein Kinderspiel

Im Gespräch mit Brigitte van Lindt und Andrea Haupt
über 25 Jahre Figurentheater zum Artikel

Ein Kinderspiel

Das Puppenspiel hat sie schon vor über 30 Jahren fasziniert und seitdem nicht mehr losgelassen: Brigitte van Lindt und Andrea Haupt, hauptberufliche und selbständige Puppenspielerinnen. 1990 sind sie gemeinsam nach Wolfsburg gekommen, um ein Figurentheater zu gründen. Nach 25 Jahren sind sie noch immer in der Stadt und inzwischen fest verwurzelt.
Text: Anna Deileke   Fotos: Ali Altschaffel

Andrea Haupt und Brigitte van Lindt spielen für ihr Leben gern. Für Kinder. Und mit Puppen


Ihre Puppenspielkarriere hat in Bielefeld begonnen. Wie kam es dazu?

Brigitte van Lindt (BvL): Die Bühne hat mich schon immer fasziniert und als junge Frau wollte ich Bühnenbildnerin werden. 1973 habe ich im Stadttheater Bielefeld zum 25. Jubiläum der Bielefelder Puppenspiele eine Ausstellung von Theaterpuppen gesehen. Die hat mich sofort gefesselt. Daraufhin habe ich den Initiator der Ausstellung Helmut Selje kennengelernt. Er war einer der bekanntesten Puppenspieler Deutschlands. Selje hat mir ein Praktikum angeboten; so konnte ich im Rahmen des 1. Internationalen Figurentheater Festivals in Bielefeld eine große Bandbreite des Figurentheaters erleben. Danach war für mich klar: Genau das ist es, was ich suche.

Und was haben Ihre Eltern dazu gesagt?
BvL: Damals gab es keine Ausbildung oder gar ein Studium in diesem Bereich, so musste ich mir die Fähigkeiten selbst aneignen. Ich habe neben meiner Ausbildung bei den Bielefelder Puppenspielen Schauspielunterricht genommen und Stimmtrainings absolviert. Mein Vater sagte: „Ach du liebes bisschen, das sind ja brotlose Künste!“, und meine Mutter meinte: „Lass das Kind in Ruhe, die geht ihren Weg.“
Andrea Haupt (AH): Bei mir war das ganz anders. Ich habe, wie meine Mutter zu sagen pflegte, „einen anständigen Beruf gelernt“ und eine Lehre zur Industriekauffrau absolviert. Ich wollte eigentlich nicht ins Büro, sondern Innenarchitektin werden. Nach dem Tod meines Vaters ist das aber nicht so gekommen. Erst nach der Lehre war für mich klar: Entweder werde ich das tun, was ich wirklich möchte oder ich werde Karriere machen und viel Geld verdienen. Irgendwo in der Mitte Dahindümpeln kam nicht in Frage.

»Entweder werde ich das tun, was ich wirklich möchte oder ich werde Karriere machen und viel Geld verdienen.«

Sondern?
AH: Ich wollte ans Theater und bin zweigleisig gefahren. Deshalb habe ich mich Anfang der 80er-Jahre deutschlandweit an 40 Theatern als Maskenbildnerin beworben und am Kolleg in Bielefeld, um das Abitur nachzuholen, damit ich Theaterwissenschaften studieren konnte. Von den Theatern hagelte es reihenweise Absagen, weil ich völlig fachfremd war. Ich landete also in Bielefeld am Kolleg  und habe gleich im ersten Jahr Brigitte, Helmut Selje und die Puppenspieler kennengelernt. Es war schnell klar, dass ich zwar das Abi absolviere – denn was ich anfange, mache ich auch zu Ende –, mich aber statt dem Studium dem Puppenspiel widme.

Sie haben sich in Bielefeld kennengelernt und dort gemeinsam gearbeitet. Was waren Ihre Aufgaben?
BvL: Es war damals schnell klar, dass Andrea und ich ein Programm für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren entwickeln sollten. Es gab in Bielefeld vorrangig Stücke für Grundschüler und Erwachsene. Da haben wir eine eigene Theatergruppe gegründet, um die ganz Jungen zu unterhalten – damals eine Besonderheit.

Wieso war das so untypisch?
AH: Das klassische Puppenspiel kommt ursprünglich aus der Volkstheatertradition und diente der Erwachsenenunterhaltung. Die Puppenspieler sind durchs Land gezogen und haben Nachrichten geschickt in Theaterstücken verpackt. Hier wurden überwiegend politische und satirische Stücke inszeniert. Das heutige Kaspertheater hat mit der Ursprungsidee nichts mehr zu tun. Früher gab es den Tod, den Teufel, einen Richter, den Polizisten und die Pritsche, eine Art Knüppel. Die Zielgruppe Kinder hat man erst Anfang der 80er-Jahre für sich gewonnen.

In Bielefeld haben Sie sechs Jahre gemeinsam gearbeitet und dann den Weg in die Selbständigkeit gesucht. Wie kam es dazu?
BvL: In Bielefeld haben wir wichtige Jahre miterleben dürfen. Wir wussten, wie Tourneen organisiert werden, wie die Festival­arbeit aussieht, was es heißt, vor verschiedenen Zielgruppen zu spielen. Wir hatten also eine gute und wertvolle Schule. Und dann war es an der Zeit, unsere eigenen Ideen und Intentionen in die Tat umzusetzen.
AH: Wir waren ungebunden und haben genau geschaut, wo wir uns platzieren. Möglichst an einem Ort, an dem es in naher Umgebung keine weiteren Puppenspieler gab. Zur Auswahl standen Winsbach bei Nürnberg, Bremen und Wolfsburg. Wir hatten einen Kontakt nach Wolfsburg und ein gutes Gefühl, das schließlich zur Entscheidung führte. Für unsere Idee haben wir dann ein Konzept verfasst und es 1990 beim Kulturdezernenten der Stadt Wolfsburg, damals Dr. Wolfgang Guthardt, eingereicht. Ihm hat das Konzept gefallen und er wollte das Projekt unterstützen.

Und Sie haben von Anfang an ein Tournee-Theater geplant?
BvL: Richtig, Wolfsburg war und ist zu klein, um als feste Spielstätte zu überleben beziehungsweise davon leben zu können. In den ersten zehn Jahren hatten wir in Heiligendorf unser Büro, das Lager und eine kleine Studiobühne und als feste Spielstätte den Antoniensaal. Alles war aber nur begrenzt bespielbar und wurde mit der Zeit zu klein. Es stand also fest, dass wir etwas Größeres benötigen. Zum Glück ist es dann die Bollmohr-Scheune geworden und bis heute geblieben.

Wie sieht das Programm heute aus?
AH: Unser Fokus liegt auf Kindern im Alter von drei bis 12 Jahren – natürlich in verschiedenen Programmen. Die große Gruppe der Jugendlichen bespielen wir nicht und ab und zu gibt es ein Programm für Erwachsene. Um wirtschaftlich zu bleiben, brauchen wir beide Zielgruppen. Es gibt nur wenige Theater in der freien Szene, die kein Kinderprogramm anbieten. Mit dem Kindertheater kümmern wir uns ja auch um den Nachwuchs und führen ihn an das Genre Theater heran.

Wie unterscheidet sich das Kinderpublikum von den Erwachsenen?
BvL: Kinder sind kritischer und direkter. Wenn es für Kinder langweilig wird, gehen sie raus oder werden laut. Der Erwachsene hält es bis zum bitteren Ende aus und klatscht auch noch höflich. Kinder spielen gern mit, Erwachsene haben da eher Hemmungen.
AH: Ich persönlich spiele viel lieber für Kinder und liebe ihre Ehrlichkeit. Kinder kommen mit einem unglaublich großen Vertrauen in den Saal und es bereitet mir ein großes Vergnügen, dieses Publikum zu unterhalten. Es ist dankbar und wertschätzend. Man baut in sehr kurzer Zeit eine sehr intensive Beziehung zu den Kindern auf, darauf möchte ich nicht verzichten.

Wie entwickeln Sie eigene Stücke?
BvL: Wir orientieren uns an literarischen Vorlagen, oft an Bilderbüchern, in die wir dann die Dialoge einarbeiten. Manchmal haben wir einen Partner wie zum Beispiel das Phaeno und entwickeln ganze Programme. Mittlerweile haben wir über 50 Inszenierungen auf die Bühne gebracht.

Stehen Sie immer zu zweit auf der Bühne?
AH: Nein. Es gibt Inszenierungen zu zweit, aber auch allein, manchmal haben wir auch Helfer, die mitwirken – das ist sehr unterschiedlich. Überwiegend sind wir aber allein unterwegs. Das hat natürlich auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Es wäre schön, wenn wir häufiger zusammen spielen könnten, und ein Wunsch von uns für die Zukunft.

Woher stammen die Puppen und wie viele haben Sie?
BvL: Es gibt europaweit Puppenbildner und -bildnerinnen und jeder hat eine eigene Handschrift. Bedarf müssen wir rechtzeitig anmelden, da die Szene klein ist. Wir haben zwar eine Werkstatt, machen aber selbst keine Puppen. Unser Fundus ist im Keller unter der Bollmohr-Scheune. Dort lagern inzwischen Hunderte: Es gibt welche aus Holz, aus Pappmaschee, aus Stoff, naturalistisch, comicartig, Handpuppen, Klappmaulpuppen und viele mehr – eine Zahl kann ich nicht nennen.

Sie haben bereits viermal das Internationale Figurentheater­festival in Wolfsburg gestaltet. Wie pflegen Sie Ihr Netzwerk?
AH: Im Laufe der Zeit hat man viele Gruppen und Theater kennengelernt. Wir kommen viel herum und beobachten auch die Entwicklung in anderen Regionen. Sehr ambitioniert sind die Niederlande, Dänemark und Frankreich. Im Vorfeld des Festivals recherchieren wir besonders gut. Es gibt sehr viele Programme, Internetseiten und Fachzeitschriften, aber nicht alles ist gut. Es findet ein reger Austausch zwischen Freunden und Kollegen statt.

Was ist im Jubiläumsjahr geplant?
BvL: Es wird im September eine Inszenierung zum Thema Wirtschaftswunder geben. Hier arbeiten wir mit der Sängerin Marie-Luise Linnemann und dem Musiker Geza Gal zusammen.
AH: Es ist eher eine Revue, die sich in diesem Fall an Erwachsene richtet, mit dem Titel „Darf’s ein bisschen mehr sein – Eine Zeitreise durch das Wirtschaftswunder“. Eine Inszenierung für die Region, gespickt mit Lokalkolorit – lustig und bissig, wie man uns kennt. Es ist unser Jubiläum und wir werden nicht nur das Publikum vergnügen, sondern vor allem uns selbst. Schließlich ist das unsere Leidenschaft!

Sie spielen über 200 Vorstellungen im Jahr, davon 90 in Wolfsburg. Wie können sich unsere Leser Ihre Tournee vorstellen?
AH: Tournee ist alles, was außerhalb der Bollmohr-Scheune stattfindet, sich aber auf Deutschland beschränkt. Oft sind wir mehrere Tage unterwegs und verbinden verschiedene Auftritte in beieinander liegenden Orten. Das können Theater sein, Schulen, Bibliotheken, Kindergärten oder Stadtfeste, für die wir gebucht werden.

»Kinder sind kritischer und direkter. Der Erwachsene hält es bis zum bitteren Ende aus und klatscht auch noch höflich.«

Haben Sie noch so etwas wie Lampenfieber?
BvL: Die Aufregung ist immer da und gerade vor Premieren besonders schlimm. Da gibt es diese Momente, in denen dir die ersten Wörter nicht einfallen, und man fragt sich immer wieder: Warum tue ich mir das an?!

Sie kennen sich nun seit über 30 Jahren und arbeiten noch immer zusammen. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Es fliegen doch sicherlich auch mal die Fetzen.
BvL: Es gibt heftige, emotionale Diskussionen, weil wir verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Meinungen sind. Das haben wir uns von Beginn an bewusst gemacht, sodass es nach einem Streit auch immer wieder einen gemeinsamen Konsens gibt.
AH: Wir sind verschiedene Pole und ergänzen uns hervorragend auf der Bühne und im administrativen Bereich. Brigitte ist der ruhigere Part und zieht die Strippen im Hintergrund, ich gehe oft an die Front. Wir haben gelernt das einzusetzen. Wir machen das, was wir können – und das hat sich über die Jahre bewährt.

Wie lange wollen Sie noch weitermachen?
AH: Ich werde definitiv nicht auf der Bühne sterben. Wenn ich merke, es geht nicht mehr, dann höre ich auf. Noch ist große Lust da und das innere Kind freudig auf das, was kommt. Aber es gibt auch ein Leben nach dem Puppenspiel.
BvL: Ich bin mir sicher, es wird sich alles fügen – wie immer im Leben.

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Programm und weitere Informationen unter
www.wolfsburger-figurentheater.de