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1973 Theater

Text: Nicole Froberg
Fotos: Lars Landmann

Der Berliner Architekt Hans Scharoun (1893-1972) ist insbesondere in den Nachkriegsjahren bekannt geworden mit seinen kreativen Bauformen, die den Wandel zu einer demokratischen Gesellschaft auch architektonisch unterstreichen sollten. Vor allem die Wohngebäude, Schularchitekturen und Theaterentwürfe fanden große Beachtung. Doch blieben auch viele Projekte ungebaut. Erst sein Spätwerk, die Philharmonie in Berlin (1956-1963), verschaffte ihm endlich die verdiente internationale Anerkennung.

 
Klievershagen 50
Architekt: Hans Scharoun, Berlin
Ausführungsplanung: Friese u. Bendorf, Wolfsburg
Einweihung: 5.10.1973

1965 gewann Hans Scharoun in Wolfsburg den internationalen Architekturwettbewerb für den Neubau eines Theaters. Nach mehreren Überarbeitungen und einem zähen Ringen um die Realisierung wurde der Kulturbau am Klieversberg am 05. Oktober 1973 feierlich eingeweiht. Vierzig Jahre später ist das Gebäude in vielen Details original erhalten. Die Räume haben nichts von ihrer eindrucksvollen Präsenz verloren.

Das Wolfsburger Theater umfasst im Parkett und Rang rund 800 Plätze und gehört zu den größten deutschen Bespiel-Theatern für Tourneebühnen. Nach den Vorstellungen Hans Scharouns ist der Bühnen- und Zuschauerraum der „gestaltungsbildende Kern“. Das heißt: Die äußere Form folgt den Bedürfnissen des Innenraumes. Dazu zählen die möglichst geringe Distanz des Publikums zur Bühne, eine optimale Akustik und eine nachvollziehbare Wegeführung. Die Architektur folgt dem abstrahierten Bild einer Landschaft – das Tal, die ansteigenden Berge und das Himmelszelt. Das unregelmäßige Vieleck der Außenhülle ist letztlich ein Abbild der inneren Vorgänge.

Der Zuschauerraum hat ein leicht ansteigendes Parkett und einen Rang, der deutlich über die Parkettebene überhängt. Die Zweiteilung des Raumes, das Überkragen des Ranggeschosses und der steile Anstieg der Sitzreihen im Rang tragen wesentlich zur positiv empfundenen Nähe zwischen Künstlern und Zuschauern bei. Schlichte, aber edle Materialien bestimmen die heitere Atmosphäre. Alle Wände sind mit einer Vertäfelung aus hellen Eschenholzplatten versehen, die roten Sitze geben dem Raum einen festlichen Charakter.

Das Bühnenhaus mit einer großen Hauptbühne, der Seiten- und Hinterbühne ist das Herzstück des Theaters. Die Größe des Bühnenraumes mag den Besucher, der oft nur wenig Einblick in das Geschehen hinter dem Vorhang bekommt, erstaunen: Bühne und Hinterbühne haben zusammen annähernd die gleiche Tiefe wie der Zuschauersaal. Ein versenkbarer Orchestergraben wird als flexible Lösung Schauspiel – und Musikaufführung gleichermaßen gerecht.