Wie eine Zirkusdirektorin

Interview mit Christel Rothe, der scheidenden Leiterin des Galerie Theaters Wolfsburg zum Artikel

1956 Wohn-und Geschäftshaus Saarstraße

„Die Hoffnungen der ‚Neuland‘, die mit dieser Form des Wettbewerbs einen ganz neuen Weg gegangen ist, haben sich voll erfüllt. Die große Zahl von Besuchern, die während der Modellschau (…) gezählt wurden, ist ein Beweis für die
Anteilnahme der Bürgerschaft an der Entwicklung der Stadt.“
Wolfsburger Nachrichten vom 1. Februar 1955

Das Ensemble aus 3-geschossigem Riegel und 6-geschossigem Querhaus mit einem kleinen Vorplatz prägt den Kreuzungspunkt Lessing- und Saarstraße


Saarstraße 1/3
Architekt: Friedrich Jelpke, Braunschweig

Als eines der ersten Bauexperimente ist das Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Saarstraße und Lessingstraße Teil der Stadtgeschichte Wolfsburgs. Auf Anregung des damals noch selbstständig tätigen Architekten Peter Koller – ab Dezember 1955 war er Stadtbaurat Wolfsburgs – führte die Wohnungsgesellschaft Neuland 1955 einen originellen Wettbewerb mit sieben eingeladenen Architekturbüros durch. Wie aktuell beim internationalen Architekturwettbewerb „Bildungshaus“, wurden die Entwürfe eine Woche lang öffentlich ausgestellt und durch die Bürgerinnen und Bürger mit Stimmzetteln bewertet. Erst danach tagte ein „Preisgericht“, das ebenfalls ungewöhnlich besetzt war: Neben je einem Vertreter der Wohnungsgesellschaft und der Stadt bildeten die beteiligten Architekten die Jury. Sie prämierten den Entwurf des Architekten Friedrich Jelpke – zu jener Zeit Assistent des berühmten Architekturdozenten Prof. Johannes Göderitz, der an der Technischen Hochschule Braunschweig Städtebau und Wohnungswesen lehrte.

Ausschlaggebend war vor allem das städtebauliche Konzept des zweiteiligen Gebäudes. Ein 3-geschossiger Riegel und ein rechtwinklig dazu angeordneter 6-geschossiger Baukörper bilden ein Ensemble, das die Ecke überzeugend besetzt. Über der aufgeständerten Sockelzone scheint insbesondere der niedrige Teil fast zu schweben. Davor entstand ein kleiner Vorplatz. Neben drei Ladengeschäften im Erdgeschoss sind 24 Wohnungen in den Obergeschossen untergebracht.

Während das Grundkonzept typisch für die funktionalistische Architekturauffassung jener Zeit ist, liegen die besonderen Qualitäten des Baudenkmals in den sorgfältig durchdachten Proportionen und zeittypischen Details. Bei genauem Hinsehen finden sich Brüstungen mit Mosaikverkleidung, dreieckige Balkone mit Holzeinfassung und sogar drei kleine beleuchtete Schaukästen an der Straße. Unterschiedliche Fensterformate und Balkone sind zu gestalterischen Einheiten zusammengefasst. Der niedrige Gebäudeteil hat ein geneigtes bündiges Dach, das den kubischen Charakter betont, der höhere Bau ein Flachdach, das an allen Seiten deutlich überkragt. Ein zurückgesetztes Staffelgeschoss und eine Loggia im obersten Geschoss formulieren einen klaren Abschluss.
[NF]