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Dichter Dran

Text: Annette Siemer
Foto: Ali Altschaffel

Kleine Räume – großes Erlebnis. Im neu eröffneten Hoffmann-von-Fallersleben-Museum im Schloss Fallersleben wird der hochpolitische Dichter der Vormärzzeit plötzlich ganz modern.

 
Im Hoffmann-von-Fallersleben-Museum bekommen die Besucher keine Genickstarre, wie man sie sonst von langen erklärenden Texten bekommt, die in unseren Zeiten ohnehin niemand mehr lesen möchte. „Heute muss ein Museum Erlebnis­charakter haben“, sagt die Museumsleiterin Bettina Greffrath.

Deshalb ist in der neu konzipierten Ausstellung alles anders. Für die visuelle Gestaltung wurde eine Firma mit ins Boot geholt, die schon das Bach-Museum in Leipzig und das Residenzmuseum in Celle zu einem Hör- und Sehvergnügen machten. Im Schloss mit seinen vielen kleinen Räumen war das aber ungleich schwerer. „Die Frage war, wie wir dem Dichter gerecht werden und ihn in seiner Zeit erfahrbar machen können – und das auf 240 Quadratmetern“, beschreibt Bettina Greffrath die Herausforderung.

Die Lösung: Zwei Gebäudeflügel, zweimal Hoffmann von Fallersleben und jeweils eine andere Erfahrungsweise. Also rein in den ersten Raum, wo der Besucher mit einem Knalleffekt begrüßt wird (wir verraten ihn nicht) und sich auf eine Zeitreise durch die Gegenwart des Dichters begibt. Da erleben wir ihn, den „Wittkopp“, wie er die Schulbank drückt, die französische Besatzung erlebt und seine Lebenserfahrungen macht. „Wir lernen ihn mit all seinen Vorlieben und Kämpfen, seiner Trauer und Liebe kennen, da ist alles dabei. Dafür haben wir aus seiner Lebensbeschreibung die eindrucksvollsten Szenen ausgesucht“, sagt Bettina Greffrath. Wer noch tiefer eintauchen will, stöbert in Blätterbüchern und macht an den Hörstationen Halt.

Hoffmann, wie er in Liebe erglüht, die Natur durchstreift und sie in Lyrik gießt; die Begegnung mit den Brüdern Grimm und das Aufkeimen der Idee des Nationalstaates; der Dichter als Forscher und Reisender; die Herausgabe der „Unpolitischen Lieder“ 1840 und der Verlust seiner Professur; die aktive Politisierung, wie er in geselligen Wirtshausrunden über die unterdrückte Freiheit debattiert. Es ist Vormärz und plötzlich findet sich auch der Besucher im Getümmel der Barrikaden wieder. „Die Gestaltung der politischen Zeit ist sehr aufregend und wir schlagen immer wieder die Brücke zur Gegenwart“, sagt Bettina Greffrath.

Im zweiten Schlossflügel, nach der Reise in die Zeit des Dichters, schaut das Museum dann auf Hoffmanns Werk. „Was ist von ihm und seinem politischen Erbe geblieben? Was ist die besondere Qualität seiner Dichtung? Das sind die Fragen, die wir hier beantworten wollen“, sagt die Museumsleiterin.

Hoffmann von Fallersleben wusste intuitiv, wie er die Menschen erreicht. Musik löst Emotionen aus. Emotionen bewegen die Menschheit und Gefühle sind die Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderung. „Genau so hat er es gemacht“, erklärt Bettina Greffrath. „Einprägsame Volksmelodien, eine einfache Sprache und die Gasthäuser als Bühne.“

Hoffmann von Fallersleben war nicht nur ein genialer Dichter, er war wie ein Popstar seiner Zeit, und er wusste, wie man sich selbst vermarktet. Seine Gedichtbände hatten hohe Auflagen. Über 2.000 mal wurde seine romantische Liebes- und Naturlyrik vertont, auch von den Größen seiner Zeit wie Liszt, Strauss, Mendelssohn Bartholdy, Schumann. „Hoffmann von Fallersleben hat musikalisch gedichtet“, sagt Bettina Greffrath. „Das hat ihn so populär gemacht.“ Diesem Muster folgen auch seine politischen Gedichte, die bis heute funktionieren – wie ein Projekt mit über hundert Fünftklässlern gezeigt hat, die aus seinen Gedichten Pop- und Rapsongs gemacht haben. „Die Sehnsucht nach Freiheit, der Mut, sich gegen Missstände aufzulehnen ist immer noch hoch aktuell.“

All das kann der Besucher im wohl größten Raum der Ausstellung nachhören und nachempfinden. Im Musikraum steht nicht nur der beliebte Liederbaum für Hoffmanns Kinderlieder und eine Hörinsel. Hier kann man auch selbst Musik machen. Also – wie aktuell ist Hoffmann von Fallersleben nun wirklich? „Er ist in unserem kulturellen Erbe präsent, ohne dass uns das vielleicht wirklich bewusst ist. Und, vielleicht noch wichtiger: Er hat das Zeug zum großen Vorbild für Zivilcourage.“