Der eigenwillige
Herr Schneider

Ein Gespräch mit Christian Schneider, dessen Vater eine der größten 35mm-Filmsammlungen in deutscher Sprache zusammengetragen hat zum Artikel

VON FALLERSLEBEN KONNt’
DAS MAUL NICHT HALTEN

Text: Marc Halupczok
Foto: Lars Landmann

Autorin und Schauspielerin Dagmar Papula und Hoffmann-von-Fallersleben-Darsteller Norbert Kentrup über den weltberühmten Dichter aus der Nachbarschaft, den niemand so richtig kennt.

Bauprobe im Theater Wolfsburg: Schauspielerin Dagmar Papula
als Alter Ego von Hoffmann von Fallersleben

 
Der im Jahr 1798 geborene August Heinrich Hoffmann, der sich später den Zusatz „von Fallersleben“ geben wird, weil es in Deutschland einfach zu viele Hoffmanns gibt, ist ein Phänomen. Seine Lieder wie „Alle Vögel sind schon da“, „Ein Männlein steht im Walde“, „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ und natürlich „Das Lied der Deutschen“ sind bis heute bekannt. Doch der Mensch Hoffmann bleibt ein Rätsel. Umso spannender ist es, ein Theaterstück über diesen Mann zu schreiben.

»Unsere heutige Freiheit verdanken
wir den Leuten, die sich vor 200 Jahren
aus dem Fenster gelehnt haben.«

Dagmar Papula hat sich an das Projekt gewagt. „Im Rahmen der 75-Jahr-Feier kam die Stadt Wolfsburg auf mich zu und bat mich, ein Stück über von Fallersleben zu schreiben. Eine interessante, aber auch aufwendige Sache. Denn allein seine Autobiografie umfasst rund 2.200 Seiten. Und doch hatte ich das Gefühl, dass er sich in diesem Buch versteckt. Er gibt sehr wenig von sich preis.“

Dazu muss man die Geschichte des Dichters und Forschers ein wenig kennen. Hoffmann interessiert sich für antike Geschichte, bricht das Studium aber ab und wechselt zur deutschen Sprache und Literatur. Unter anderem ist Jacob Grimm sein Dozent. Nach verschiedenen beruflichen Anläufen in ganz Deutschland und ersten Veröffentlichungen als Dichter wird er im preußischen Breslau zum außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt, was ihm den Neid seiner habilitierten Kollegen einbringt. 1841 veröffentlicht er den ersten Teil seiner „Unpolitischen Lieder“, ein Jahr später den zweiten. Die rund 300 Gedichte finden großen Anklang, allerdings nicht bei der preußischen Regierung. Der liberal denkende und freiheitsliebende Mann ist ihnen ein Dorn im Auge. Erst verliert Hoffmann seine Professur, dann wird er aus dem Land geworfen.

Genau dort setzt das Theaterstück ein. „Mit dem Verweis aus dem Land beginnt eine Odyssee, die bis zu seinem Tod dauern wird“, erzählt Papula. „Sein Zitat ,Ich konnt’ das Maul nicht halten‘ fasst es gut zusammen. Er irrt durch das in unzählige Staaten zersplitterte Deutschland, immer auf der Flucht vor der Polizei. Und er hat im ganzen Land viele Freunde, darunter Franz Liszt, mit dem ihn eine besondere Freundschaft verbindet. Aber von Fallersleben setzt sich weiter für die Freiheit des Wortes und gegen die Zensur ein und wird nicht mehr zur Ruhe kommen.“ Allein aus seiner Heimatstadt Fallersleben wird er dreimal ausgewiesen. Und das, obwohl er eigentlich „nur“ schreibt. „Es ist nachgewiesen, dass er Kontakte zu einigen Protagonisten der Märzrevolution 1848 hatte. Von Fallersleben hielt sich 1848 kurz in Frankfurt am Main auf, aber er war nicht in der Paulskirche. Er war eben kein Politiker, niemand, der auf die Barrikaden ging.“

Im Stück „Ich konnt’ das Maul nicht halten“ wird Hoffmann von Fallersleben von Norbert Kentrup dargestellt. Der Schauspieler freut sich riesig auf die Rolle. „Unsere heutige Freiheit verdanken wir den Leuten, die sich vor 200 Jahren aus dem Fenster gelehnt haben. Und wer heute die „Unpolitischen Lieder“ liest, kann kaum fassen, dass man dafür damals eingesperrt oder des Landes verwiesen wurde. Trotzdem ist das Thema natürlich sehr aktuell.“

Um sich ganz mit der historischen Rolle identifizieren zu können, hat sich Kentrup in vier Stufen auf das Unternehmen vorbereitet. „Zuerst befasse ich mich mit der belegten Geschichte. Was ist über den Mann bekannt, wie war er wirklich? Dabei suche ich mir kleine Begebenheiten, die den Menschen charakterisieren. Hoffmann war zum Beispiel recht leichtsinnig, außerdem ging er emotionalen Konflikten aus dem Weg. Das ist wichtig für meine Arbeit. Dann beschäftige ich mich mit der Zeit, in der die Person gelebt hat. Schließlich kommt das Textbuch und als Letztes denke ich darüber nach, welche Akzente ich als Schauspieler setzen kann.“

Im Stück selbst bekommt von Fallers­leben einen „Schatten“ an die Seite gestellt, eine Art Alter Ego. Der wird von Dagmar Papula verkörpert. „Aus seiner Autobiografie, aber auch aus Briefen und Tagebucheinträgen, die ich im Hoffmann-von-Fallersleben-Museum sowie im Archiv einsehen durfte, wird seine Verschlossenheit, ja fast Ängstlichkeit deutlich. Wir hatten nur die Wahl, ihn im Stück endlose Monologe vortragen zu lassen – was ich aber nicht wollte –, oder eben eine Fantasiegestalt zu installieren, mit der er sich unterhalten kann.“

Insgesamt werden sieben Schauspieler 25 Rollen verkörpern, ein extra angefertigtes Bühnenbild stellt den passenden Rahmen dar. Die Uraufführung findet am 14. September im Theater in Wolfsburg statt. Besondere Vorstellungen für Jugendliche und öffentliche Proben sind in Planung.

Ich konnt’ das Maul nicht halten
Premiere im Rahmen der 75-Jahr-Feier
der Stadt Wolfsburg am 14. September 2013

Weitere Informationen erhalten Sie unter
www.theater.wolfsburg.de