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Unter allen Gipfeln ist Ruh

Ein adipöser Würstelstand, eine anscheinend von einer Skulptur erschlagene Mercedes-Limousine, kopflos tanzende Anzugträger und ein wahrhaftiger Tannenwald: Willkommen in der Ausstellung „Fichte“ des Kunstmuseum Wolfsburg, in der wunderbar wahnsinnigen Welt von Erwin Wurm.
Text: Christiane Heuwinkel

Porträt Erwin Wurm, 2015, Studio Wurm, Foto: Eva Würdinger, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

 
Der österreichische Bildhauer Erwin Wurm stellt die Welt auf den Kopf – oder stellt er sie vom Kopf auf die Füße? Schon vor dem Eingang ins Kunstmuseum Wolfsburg begrüßt die Besucher ein zum „fetten Würstelstand“ (Erwin Wurm) umgebauter VW-Bulli, aus dem heraus dann auch noch die originale VW-Currywurst verkauft wird. Ist der Volkswagen T2 adipös geworden, weil er sich selbst so viele Würste einverleibt hat? Und ist Curry­wurstessen jetzt Kunst?

Die Verunsicherung ist ein treuer Freund des Besuchers, der im Kunstmuseum auf einen „ver-rückten“ Tannenwald stößt, in dem sich Erwin Wurms Skulpturen teils versteckt, teils in einer galerieartigen In­stallation präsentieren und ihm ein Lächeln entreißen, das sofort im Halse stecken bleibt. So steht etwa auf einem weißen Sockel eine halb gefüllte Wärmflasche aus Bronze. Sicheren Halt geben ihr zwei füllige Beinchen in schweren „gesunden“ Schnürschuhen. „Mutter“ betitelt Erwin Wurm diese Arbeit, die zwischen slapstickhafter visueller Komik und bodenloser Frechheit changiert.

Erwin Wurm ist mit seinen „One Minute Sculptures“ international berühmt geworden, für die er Prominente und Unbekannte bat, kurz in absurden Posen zu verharren und sich fotografieren zu lassen. So trägt jemand einen gelben Eimer auf dem Kopf, eine Liegende balanciert zwei Porzellantassen auf den hochgestreckten Beinen und der Künstler selbst lässt sich betend im mönchsähnlichen Habit mit einer Zitrone im Mund fotografieren. Die agierenden Personen werden damit zu Skulpturen, wie auch die „fetten“ und „mageren“ Objekte in ihrer Deformation skulpturale Wirkungen entfalten.

In der großen Halle des Kunstmuseum Wolfsburg gestaltet Erwin Wurm nun erstmalig selbst die Ausstellungsarchitektur. Dass man mit Begriffen wie „romantisch“ oder „Märchenwald“ jedoch assoziativ auf dem Holzweg ist (um im Bild zu bleiben) und auch der Philosoph Fichte nicht unbedingt interpretatorische Schützenhilfe leistet, zeigen die 50 Nordmanntannen aus einer Schonung in der Region: Goethes „Über allen Wipfeln ist Ruh“ muss völlig neu gedacht werden – und mehr wird nicht verraten.

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› Erwin Wurm. Fichte
bis 13. September 2015
› Real-Surreal. Meisterwerke der
Avantgarde-Fotografie
bis 06. April 2015
› Tag der offenen Tür
17. Mai 2015

Weitere Informationen finden Sie unter
www.kunstmuseum-wolfsburg.de