Lesen und lesen lassen

Ein Gespräch über den
Literaturkreis Wolfsburg zum Artikel

Lesen und lesen lassen

Der Literaturkreis Wolfsburg existiert seit fast einem halben Jahrhundert. Der Verein lädt regelmäßig zu Lesungen von bekannten Autoren in die Aula des Ratsgymnasiums ein und zählt zurzeit 330 Mitglieder. Alle teilen eine Leidenschaft: das geschriebene Wort.
Text: Anna Deileke   Fotos: Ali Altschaffel

Ines Roessler und Anne Schulze

 
Annegret (bekannt als Anne) Schulze, Geschäftsführerin des Literaturkreises, gestaltet das Programm und die damit verbun­dene Vereinsarbeit. Dabei wird sie seit vier Jahren von Ines Roess­ler unterstützt, der Vorsitzenden des Vereins. Beide Frauen sind leidenschaftliche Leserinnen und Buchsammlerinnen. Was die beiden an Büchern fasziniert und warum sie andere Menschen zum Lesen anstiften, erzählen sie in unserem Interview.

Frau Schulze, haben Sie schon mal ein E-Book gelesen?
Anne Schulze (AS): (lacht herzlich) Nein, noch nie. Ich habe zwar ein I-Pad und bin froh, dass man mittlerweile sehr gut per Email mit den Verlagen kommunizieren kann, aber Bücher bevorzuge ich fest in der Hand. Für mich ist es ein Hochgenuss, ein Buch auszupacken und die erste Seite aufzuschlagen. Das erfreut mich immer wieder. Und glauben Sie mir, ich habe schon viele Bücher ausgepackt!

Frau Roessler, was fasziniert Sie an Büchern?
Ines Roessler (IR): Das hört sich vielleicht komisch an, aber Bücher sind ein wunderbarer Zeitvertreib. Ich habe immer mindestens ein Buch in meiner Handtasche. Ohne Buch fühle ich mich nackt. Ich lese viel und gerne, letztlich nutze ich neben Beruf und Sport jede freie Minute für ein paar Zeilen. Bücher schützen mich vorm „Rumsitzen“ – sei es beim Warten auf den Arzttermin, in der Bahn oder auf Reisen, wenn die Straßen grau und langweilig sind.

Was macht ein gutes Buch aus?
AS: Es gibt sehr viele, aber nur wenig gute Bücher. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Von zehn Büchern sind im Glücksfall zwei gut. Egal ob dick oder dünn, ob Roman oder Sachbuch, die Zeilen des Schreibers müssen Bilder in meinem Kopf zeichnen, Gefühle erzeugen und mich mitnehmen.
IR: Egal, ob eine wahre Geschichte oder ausgedacht: Bücher öffnen den Blick für andere Perspektiven und transportieren häufig auch eine Botschaft oder Erkenntnis. Das ist schön und Grund genug für mich zu lesen.

Kommt es vor, dass Sie ein Buch nicht mögen und aus der Hand legen?
AS: Es gibt Bücher, die mich nicht einfangen und mitnehmen. Den ersten 50 Seiten gebe ich immer eine Chance, und dann lese ich weiter, wenn es mich lockt und überfliege es nur großzügig, wenn es nicht so gut ist. Ich höre aber nie einfach auf.
IR: Ich schon. Wenn ein Buch mich langweilt, lege ich es auch zur Seite.

Wie viele Bücher lesen „Bücherwürmer“ wie Sie?
IR: Ich lese bis zu vier Bücher im Monat, im Sommer weniger, im Winter mehr. Manchmal lese ich auch mehrere Bücher zeitgleich.
AS: Im Jahr komme ich auf etwa 120 Bücher – also geschätzt 12 im Monat. Ich verbringe aber auch viel Zeit mit Recherche. Das gehört zur Arbeit im Literaturkreis dazu. Ich halte Ausschau  nach neuen Autoren und Autorinnen, ich beobachte die Entwicklung auf dem Buchmarkt, ich halte Kontakt zu den Verlagen, führe Buch über die Mitgliederzahlen und vieles mehr.

»Bücher öffnen den Blick für andere Perspektiven und transportieren häufig auch eine Botschaft.«

Dann besitzen Sie vermutlich sehr viele Exemplare?
AS: Also geschätzt sind es 8.000 Bücher. Die gehören zum Teil mir und zum Teil meinem Mann. Wir haben im Laufe der Jahre massive Bücherregale bauen lassen und es musste auch schon ein Statiker kommen, der die Traglast der Decke zwischen Erd- und Obergeschoss geprüft hat. So ein Haufen Bücher hat mitunter ein beeindruckendes Gewicht. Langsam kommen wir aber an unsere Grenzen, das Haus ist voll.
IR: Meine Büchersammlung kann ich nicht beziffern. Ich leihe auch sehr viele Bücher in der Wolfsburger Bibliothek. Dort gibt es ein großes Angebot, die Mitarbeiter sind sehr freundlich und das Alvar-Aalto-Kulturhaus ist wunderschön.

Verliert man bei 8.000 Büchern nicht die Übersicht?
AS: Ich habe alle Bücher alphabetisch nach Autoren geordnet, außerdem führe ich seit 1980 eine Liste darüber, welche Bücher ich bereits gelesen habe. Taschenbücher haben einen Extraplatz und meine Lieblingsbücher stehen in der Bibliothek im Wohnzimmer, damit sie immer in meiner Nähe sind.

Und Sie haben tatsächlich alle Bücher gelesen?
AS: Um ehrlich zu sein nein. Ich bekomme viel Post von Verlagen und kaufe mir Bücher, die ich noch lesen möchte, deshalb gibt es auch noch ein paar eingeschweißte Exemplare, die noch darauf warten entdeckt zu werden.
IR: Anne ist eine lebende Bibliothek, bei ihr hole ich mir regelmäßig Tipps und Empfehlungen. Das, was sie empfiehlt, ist immer wunderbar.

Zum Beispiel? Was können Sie unseren Lesern empfehlen?
AS: Das ist schwer, ich habe viele Bücher, die ich empfehlen kann und gerne gelesen habe. Wenn Sie mich festnageln, dann den Roman „Verlockung“ von János Székely und das „Buch des Flüsterns“ von Varujan Vosganian. Beide Bücher sind völlig verschieden, fesseln aber von der ersten bis zur letzten Seite.
IR: Mein Favorit: „Unter dem Tagmond“ von Keri Hulme.
 

Ines Roessler empfiehlt: „Unter dem Tagmond“ von Keri Hulme
Dieses Buch ist beseelt von der Mythen- und Symbolwelt der Maori. Es spielt in einer entlegenen Gegend an der Küste Neuseelands, einer urwüchsigen, von Stürmen und Regen heimgesuchten Landschaft. Im Zentrum der Geschichte stehen drei Menschen: Eine Frau, ein Mann und ein Junge, die eine seltsame Art von Familie bilden, ohne zusammenzugehören, alle drei von ihren eigentlichen Möglichkeiten abgeschnittene, gebrochene Figuren. Zwischen ihnen kommt es in einem schicksalhaften Prozess der Annäherungen und Mißverständnisse zu einem Drama widerstreitender Gefühle.
 

Anne Schulze empfiehlt: „Verlockung“ von János Székely
Ein großer Roman über die schillernde Budapester Gesellschaft in den wilden 1920er-Jahren. Ungarn zwischen den Weltkriegen. Der Bauernjunge Béla zieht vom Land zu seiner jungen, lebenshungrigen Mutter in die Budapester Vorstadt. Sein Entschluss ist gefasst: Er will die Armut hinter sich lassen und sie erobern, diese märchenhafte, andere Welt. Als Liftboy in einem Luxushotel taucht er in die dekadente Gesellschaft der Reichen und Schönen ein. Als eines Nachts die attraktive und geheimnisvolle Gattin seiner Exzellenz nach ihm klingelt, glaubt Béla, seine Stunde sei gekommen.
 

Der Literaturkreis veranstaltet von Oktober bis März sechs Lesungen in der Aula des Ratsgymnasiums. Wer gestaltet das Programm?
IR: Anne recherchiert und hält den Kontakt zu den Verlagen. Wir sprechen gemeinsam über Ideen, Wünsche und mögliche Gäste. Die Terminvereinbarung und Buchung organisiert Anne. Ich kümmere mich um die Internetseite, den Lesetipp dort und die Betreuung der Autorinnen und Autoren am Veranstaltungsabend.
AS: Damit nimmt Ines mir sehr viel Arbeit ab, die ich vor Jahren noch allein gemacht habe. So kann ich mich am Abend voll und ganz auf die Begrüßung der Vereinsmitglieder und Besucher konzentrieren – und kann das dann auch richtig genießen.
IR: Natürlich haben wir noch weitere Helfer im Verein, die beim Programmversand helfen und fleißig Plakate verteilen, worüber wir sehr dankbar sind. Wir freuen uns über Ideen und Feedback. Dafür bleibt auch Zeit bei der Mitgliederversammlung am 22. September in der Stadtbibliothek.

Zu Ihren Veranstaltungen kommen immer mehr als 200 Besucherinnen und Besucher und bei sehr bekannten Gästen auch mal 400. Bücher sind also nicht out?
AS: Nein, out sind sie nicht, zum Glück. Der Buchmarkt entwickelt sich nach wie vor prächtig weiter. Aber der Umgang mit Literatur hat sich verändert. Der Verein wurde zu einer Zeit gegründet, als die Medienlandschaft noch überschaubar war, es gab kein Internet, wenig Fernsehen und eine Handvoll empfangbarer Rundfunksender. Das Buch war DAS Unterhaltungsmedium.
IR: Unsere Besucherzahl ist seit Jahren gleichbleibend gut. Dennoch ist der Wandel auch im Publikum zu erkennen: Früher gab es viel mehr Schulklassen, die mit ihren Lehrern zu uns gekommen sind. Da hat man sich im Schulhalbjahr ganz intensiv einem Autoren gewidmet und sich diesen dann auch live angehört. Das findet nicht mehr statt, auch haben wir kaum noch Lehrer
im Verein. Das schiebe ich aber eher auf die straffen Lehrpläne.

Den Literaturkreis gibt es seit 1967. Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit?
IR: Mittlerweile gibt es den Literaturkreis fast ein halbes Jahrhundert. Ins Leben gerufen wurde der Verein von Dr. Karl von Wintzingerrode, Frau Dr. Erika Magwitz und dem damaligen Kulturreferenten Karlheinz Schulte. Ziel war es, das Interesse für literarische Werke in der Stadt zu wecken, Literaten zu fördern, die Menschen zum Lesen anzustiften und zu unterhalten. Dieses Anliegen verfolgt der Verein bis heute.

Und wie kam es zu Ihrem Engagement im Literaturkreis? Wann sind Sie dazugestoßen?
AS: Bücher sind mein Leben und meine Leidenschaft. Ich habe 1966 bei der Wolfsburger Buchhandlung Großkopf meine Ausbildung gemacht und auch nach der Geburt meiner zwei Kinder in Teilzeit dort gearbeitet. Ich war Mitglied im Literaturkreis und wurde eines Tages von Dr. Wintzingerrode gefragt, ob ich seine Arbeit fortsetzen würde. Er sagte, es gäbe sonst niemanden. Das war vor ziemlich genau 20 Jahren.
IR: Ich bin noch gar nicht so lange dabei, habe aber Freude daran, Anne zu unterstützen. Ich habe Germanistik studiert, den Buchmarkt immer aufmerksam beobachtet und gern gelesen. Als Mitglied im Verein hatte ich immer Kontakt zu Anne und als ich gehört habe, dass der Vorstand Unterstützung braucht, habe ich mich vor vier Jahren dazu überreden lassen.

Wie werden die Veranstaltungen finanziert? Sie haben ja mitunter sehr renommierte Gäste, die bestimmt nicht für kleines Geld anreisen.
AS: In der Tat kostet so ein Abend Geld, wir bekommen jährlich einen kleinen Zuschuss vom Geschäftsbereich Kultur der Stadt Wolfsburg und finanzieren uns durch die Beiträge der Vereinsmitglieder. Zudem kosten die Tickets an der Abendkasse sieben Euro für Nichtmitglieder, die immer sehr willkommen sind. Gelegentlich erreichen uns auch Spenden aus der Wolfsburger Bevölkerung. Dafür sind wir natürlich immer dankbar und erfreut.

Zu den fast 500 Autoren, die Sie im Laufe der Jahre eingeladen haben, zählen bekannte Größen der deutschsprachigen Literatur. Welche Gäste sind Ihnen gut in Erinnerung?
AS: Mit Siegfried Lenz, Günter Grass, Will Quadflieg und Ingeborg Bachmann haben meine Vorgänger die Messlatte bei der Autorenauswahl sehr hoch angesetzt. Das zieht natürlich Besucher an. Dieses Level versuchen wir zu halten. Für mich persönlich zählt aber das Gesamtpaket: Wie ist der Kontakt zum Verlag, wie gestaltet sich die Lesung, wie reagiert das Publikum und wie sympathisch ist der oder die Vortragende außerhalb des Rampenlichts?
IR: Ich erinnere mich gut an einen Vortrag von Joachim Gauck, noch bevor er Bundespräsident geworden ist. Diesen Abend veranstalteten wir im Theater und die Ränge waren voll. Es ist vielmehr die hellseherische Fähigkeit von Anne, die mich an diese Veranstaltung erinnert. Bei der Begrüßung versprach sie sich und begrüßte Gauck als Bundespräsidenten und Monate später wurde er es.
AS: (lacht) Das ist die Aufregung. Die ist auch nach 20 Jahren immer wieder zu Gast.

Sie leiten den Verein nun seit 20 Jahren und in zwei Jahren steht ein großes Jubiläum vor der Tür: 50 Jahre Literatur­kreis. Frau Schulze, werden Sie das als Geschäftsführerin mit Ihren Mitgliedern feiern?
AS: So ist der Plan. Noch habe ich Freude und Lust an meiner Arbeit im Literaturkreis. Trotzdem denke ich nach einer so langen Zeit auch an eine Übergabe und halte die Augen nach einer Nachfolge offen – richtig, Ines (blickt erwartungsvoll schmunzelnd zu Ines Roessler)?
IR: Mal sehen ob, du jemanden findest (zwinkert und lacht).

Dann lassen wir uns überraschen! Was dürfen die Leser im kommenden Programm erwarten?
IR: Wir starten im Oktober mit dem Schauspieler Alexander Gamnitzer und einer Lesung aus den Tagebüchern von Mark Twain. Er wird begleitet von einem Cellisten und besucht uns ganz exklusiv. Regina Scheer kommt im November und liest aus ihrem Buch „Machandel“, einer rührenden Geschichte über eine Familie in der DDR, die bis in die heutige Zeit führt. Und Dominique Horwitz wird im Dezember aus „Tod in Weimar“ lesen. Hier erwarten wir einen Besucherandrang in der Aula.
AS: Das neue Jahr startet mit der Autorin Eleonora Hummel und ihrem Roman „In guten Händen, in einem schönen Land“. Ende Januar liest Klaus Modick aus dem Roman „Konzert ohne Dichter“ und im Februar folgt Ursula März mit dem amüsanten Buch „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“. Rolf Lappert schließt die Saison mit seinem neuen Werk „Über den Winter“.

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Termine 2015/2016 um 20.00 Uhr in der Aula des Ratsgymnasiums:
05. Oktober – Alexander Gamnitzer
09. November – Regina Scheer
15. Dezember – Dominique Horwitz
07. Januar – Eleonora Hummel
26. Januar – Klaus Modick
09. Februar – Ursula März
10. März – Rolf Lappert
Abo-Preis für Mitglieder:
7 Lesungen für 22 Euro pro Person, 30 Euro für Paare

Weitere Informationen unter www.literaturkreis-wolfsburg.de

Im Kulturkalender auf Seite 21 verlosen wir 2 x 2 Tickets
für die Lesung am 15. Dezember 2015.