Vielfalt leben

Ein Gespräch mit Sylvia Cultus, Leiterin
des Integrationsreferates zum Artikel

Vielfalt leben

Seit zwei Jahren verleiht die Stadt Wolfsburg den Integrationspreis – eine Anerkennung für Menschen, die sich vorbildlich für die Eingliederung von Zuwanderern engagieren. Wir haben mit Sylvia Cultus, der Leiterin des Integrationsreferates der Stadt Wolfsburg, über die Idee hinter dieser Würdigung gesprochen.
Text: Anna Deileke   Foto: Ali Altschaffel

Sylvia Cultus

 
Bis vor ein paar Wochen konnte man im Wolfsburger Stadtbild Plakate sehen, die dazu aufforderten, sich für den Integrationspreis 2015 zu bewerben. Was genau steckt hinter dem Preis und wie hat Wolfsburg auf den Aufruf reagiert?
Sylvia Cultus (SC): Hinter dem Preis steckt das Integrationskonzept „Vielfalt leben“, das der Rat der Stadt Wolfsburg im Juni 2011 verabschiedet hat. Dort wird die Maßnahme vorgeschlagen und ein politscher Antrag hat diese dann zu einem Bestandteil der Wolfsburger Integrationskultur gemacht. Mit dem Integrationspreis wollen wir Privatpersonen, Vereine, Unternehmen und Schulen würdigen, die sich kreativ und engagiert für die Teilhabe von Zugewanderten einsetzen. Wir möchten zusätzliche Personenkreise zur Nachahmung motivieren und uns mit dem Integrationspreis für das vielfältige Engagement in Wolfsburg bedanken. Der Preis wird seit 2012 verliehen und in diesem Jahr haben wir 20 Bewerbungen bekommen.

Und wer hat gewonnen?

SC: Das werde ich Ihnen noch nicht verraten (lacht). Anfang September war Einsendeschluss. Die Jury, bestehend aus je einem Vertreter der Rats-Fraktionen sowie der Stadträtin für Jugend, Bildung und Integration, hat unter den Einsendern aus den Kategorien Bildung, Sport, Kultur und Wirtschaft ausgewählt. Die Preisverleihung findet erst am Samstag, 7. November 2015, in der Bürgerhalle im Rathaus statt. Wir planen an diesem Tag eine tolle Feier mit buntem Programm und prominenten Gästen. Der Eintritt ist natürlich frei und wir freuen uns über viele Bürgerinnen und Bürger, die uns besuchen.

Warum ist es wichtig, dass sich Menschen zu diesem Thema

engagieren?
SC: In Wolfsburg haben Menschen aus mehr als 140 Nationen ihre Heimat gefunden. Integrationsarbeit ist in Wolfsburg schon seit mehr als 40 Jahren ein wichtiges Thema. In den 70er-Jahren kamen mit den Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern viele italienische und tunesische Familien nach Wolfsburg. Es trafen also schon damals Menschen aufeinander, die eine andere Sprache sprechen und einen anderen kulturellen Hintergrund haben. In gemeinsamer Anstrengung von Politikern, Kirchen, Gewerk­schaft, Verwaltung und privat Engagierten haben die Wolfsburger es geschafft, dass wir in einer gut funktionierenden multikulturellen Gemeinschaft leben. Insofern ist in Wolfsburg Integration durchaus schon gelungen. Allerdings kommen weiterhin Menschen aus anderen Ländern zu uns. Unsere Aufgabe ist es, ihnen das Ankommen und Einleben in die Stadtgesellschaft zu erleichtern.

Das heißt, jeder bekommt bei Ihnen Hilfe?

SC: Wenn es um interkulturelle Beratung geht, ja. Jeder Mensch ist grundsätzlich willkommen – mit und ohne Aufenthaltsstatus, das gehört zu unserer Willkommenskultur! Eine Arbeitserlaubnis oder eine Wohnung bekommt man allerdings bei uns nicht. Wir können den Hilfesuchenden aber sagen, wo sie bestimmte Dienstleistungen abfragen können. Oder wir begleiten die Menschen zu anderen Ämtern und Einrichtungen. Die Kollegen des Beratungsteams sprechen sieben verschiedene Sprachen. In Sachen sprachliche Vermittlung sind wir aktuell gut aufgestellt. Fast immer können wir weiterhelfen.

Das leisten Sie alles allein im Integrationsreferat?

SC: Zum Glück gibt es gute Zusammenarbeit sowohl mit hauptamtlich als auch mit ehrenamtlich Tätigen. Oft sind die Themen übergreifend, sodass wir zum Beispiel eng mit den Geschäftsbereichen Jugend, Soziales und Gesundheit oder Schule zusammenarbeiten. Außerdem haben wir das Projekt „Hand in Hand“ ins Leben gerufen.

Erzählen Sie den Lesern bitte mehr von dem Projekt.

SC: Bei „Hand in Hand“ kümmern sich Ehrenamtliche darum, Zugewanderte im Rahmen einer Sprachvermittlung zu unterstützen. Zum Beispiel werden Schwangere zur Vorsorgeuntersuchung begleitet oder ein Vater zur Schule seines Kindes. Mehr als 30 Personen mit unterschiedlichen Sprachkompetenzen haben wir in unserer Datenbank. Da wir mit unserem Beratungsteam nicht alle Sprachen abdecken können, nehmen wir die Unterstützung unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich als Übersetzer für Zugewanderte einsetzen möchten, gerne in Anspruch. Diese Art des Engagements entspricht auch der Idee des Integrationskonzeptes.

Das Integrationskonzept ist eine Art Leitfaden, den Sie gemeinsam mit der Bürgerschaft entwickelt haben. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Plan?

SC: In den 77 Jahren hat sich Wolfsburg zu einer weltoffenen, dynamischen Stadt entwickelt. Dies ist in großen Teilen auch durch die Zuwanderer unterschiedlichster Herkunft, mit all ihrem Wissen, Können und kulturellem Erbe, möglich geworden. Vor diesem Erfahrungshintergrund, und dank des Einsatzes engagierter Mitmenschen, sind frühzeitig die Weichen für eine erfolgreiche Integration gestellt worden. Daran wollen wir mit dem Integrationskonzept anknüpfen. Wir haben identifiziert, wo wir uns noch verbessern können. Zum Beispiel entstand aus dem Integrationskonzept heraus das Vorhaben „Interkulturelle Stadtverwaltung“.

Was bedeutet das im Detail für die Stadtverwaltung?

SC: Das Vorhaben interkulturelle Stadtverwaltung will ihre Angebote und Leistungen so aufstellen, dass sie an eine Gesellschaft, die sich durch Einwanderung verändert, angepasst ist. So sollen zum Beispiel langfristig mehr Menschen, die zusätzlich eine andere Muttersprache sprechen, bei der Stadtverwaltung eine Anstellung finden. Gleichzeitig wird allen Mitarbeitern die Möglichkeit gegeben, sich im Bereich interkulturelle Handlungskompetenz zu qualifizieren. Ein Dolmetscherpool soll aufgebaut werden, weil Sprachbarrieren ein Hindernis im Arbeitsalltag sind. Die interkulturelle Stadtverwaltung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Alle Geschäftsbereiche sind an der Umsetzung beteiligt. Langfristig geht es hierbei um strukturelle Veränderungen. Dies schafft man nicht von heut auf morgen. Aber aus meiner Sicht ist das Vorhaben klasse und ziemlich einmalig für eine Stadtverwaltung. Wir sind auf einem guten Weg.

»In den 77 Jahren hat sich Wolfsburg zu einer weltoffenen, dynamischen Stadt entwickelt. Dies ist in großen Teilen auch durch die Zuwanderer unterschiedlichster Herkunft, mit all ihrem Wissen, Können und kulturellem Erbe, möglich geworden.«

Das klingt nach viel Arbeit und einem hohen Anspruch. Was ist Ihnen wichtig bei Ihrer täglichen Arbeit?
SC: Ich möchte Lösungen haben! Mir ist es wichtig zu wissen, wie etwas geht, und nicht, wie etwas nicht geht. Ich denke und arbeite gerne team- und lösungsorientiert. Nur so kommen wir mit unseren Ideen und Aufgabenstellungen voran. Lösungen führen zugleich zu Erfolg und Freude – das treibt mich an.

Wie genau verteilen sich die Aufgaben in Ihrem Referat?

SC: Im Referat arbeiten mit mir insgesamt 16 Personen. Unsere Arbeit basiert im Augenblick auf drei Säulen: der interkulturellen Beratung, der Hausaufgabenhilfe und Lernförderung sowie der Umsetzung und Weiterentwicklung des vorhin genannten Integrationskonzeptes. Dahinter verbergen sich natürlich viele Aufgabenfelder. Zum Beispiel fördern wir internationale Kulturvereine oder Einrichtungen wie die Evangelische Familienbildungsstätte oder die Caritas. Man kann bei uns Anträge auf finanzielle Unterstützung für Integrationsmaßnahmen stellen. Wir leisten Antirassismus- und Antidiskriminierungsarbeit, wir werden die jährliche Veranstaltung zum Welttag des Flüchtlings koordinieren, die Federführung für den Prozess der interkulturellen Stadtentwicklung liegt bei uns und am Ende sind wir verantwortlich für die künftige Erstellung eines Integrationsberichtes.

In den Zeitungen und im Fernsehen hören und lesen wir täglich von Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten und in Deutschland Hilfe suchen. Spüren Sie einen Zulauf und wie gehen Sie damit um?

SC: Natürlich spüren wir das und mit jedem Tag kommen mehr Menschen. Manchmal können auch wir uns tatsächlich sprachlich nicht mit den Flüchtlingen verständigen. Da fehlen uns sogar im Projekt „Hand in Hand“ noch bestimmte Sprachen, wie zum Beispiel Tigrinya. Das stellt uns schon vor besondere Herausforderungen. In erster Linie behandeln wir die „soften“ Aufgaben im Themenfeld Flüchtlinge. Mit der Unterbringung selbst haben wir nichts zu tun, das übernimmt der Geschäftsbereich Soziales und Gesundheit. Dort werden die gesetzlich vorgesehenen Aufgaben bearbeitet. Wir entwickeln Konzepte, haben Kontakt zur Basis, besuchen die Flüchtlingsheime, vermitteln zwischen hilfsbereiten Bürgerinnen und Bürgern und verschiedenen Initiativen. Wir versuchen zu unterstützen, wo wir können. Die von uns eingerichtete Webseite bietet den Wolfsburgern viele Informationen und eine Netzwerkplattform. Sie können gern mal reinschauen unter www.wolfsburg.de/fluechtlinge.

Sie haben im Laufe des Gesprächs von verschiedenen Kulturen und einer multikulturellen Gemeinschaft gesprochen. Wie gelingt Integration? Was empfehlen Sie Menschen, die Berührungsängste haben?

SC: Integration ist immer ein beidseitiger Prozess und ab wann Integration gelungen ist, wird nicht mit einer Messlatte zu messen sein. Das ist wohl für jeden individuell verschieden. Wann bin ich integriert? Wenn ich Mitglied im Schützenverein bin, wenn ich die Hauswoche regelmäßig erledige und täglich die Tageszeitung lese? Menschen denken nicht in der Kategorie „integriert – ja oder nein“. Es gibt eher so ein Gefühl, sich selbst als dazugehörig, sich zuhause, sich sicher zu fühlen – oder eben nicht. Wenn Ängste zwischen den Menschen bestehen, weil sie jeweils eine andere kulturelle Prägung oder andere Vorlieben haben, dann hilft Begegnung, ein bisschen Offenheit, Zuhören, Neugier, Akzeptanz. Mein Tipp: Den „Anderen“ ihre Kultur, ihre Traditionen lassen, die eigene Kultur leben, Begegnungen zulassen und gemeinsame Schnittmengen finden. Dann kann Gemeinschaft entstehen, dann kann man gemeinsam Verantwortung übernehmen, zum Beispiel in unserer Stadt Wolfsburg, und dann gelingt, für alle Beteiligten, Integration.

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Verleihung Integrationspreis
7. November 2015 um 13.00 Uhr
Rathaus / Bürgerhalle

Weitere Informationen unter
www.wolfsburg.de/leben/lebenslagen/integration