Ein Kinderspiel

Im Gespräch mit Brigitte van Lindt und Andrea Haupt
über 25 Jahre Figurentheater zum Artikel

Jeder nach seiner Façon

Rainer Steinkamp ist seit über sechs Jahren Intendant am Theater in Wolfsburg. Dem freischwimmer erzählt er, welchen Stellenwert das Haus in der Stadt hat, was die Zukunft für die Wolfsburger bereithält und warum er mit unfreundlichen Briefen umzugehen weiß.
Text: Marc Halupczok   Foto: Thomas Kubiczek

 
Von 1994 bis 2007 leitete Rainer Steinkamp verschiedene Häuser in Hameln, darunter das Städtische Theater und die Rattenfänger-Halle. Dann verschlug es ihn ein Stückchen weiter nach Norden, ins doppelt so große, historisch aber nicht ganz so etablierte Wolfsburg. An die Gründe für diesen Schritt kann sich der Intendant noch gut erinnern.

„Wolfsburg gehört zu den zehn besten Theatern in Deutschland, deshalb war bei mir die Freude groß, als die Wahl auf mich fiel. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass auch die Stadt Wolfsburg seit dem Jahr 2000 – auch bedingt durch die Autostadt und das Phaeno – riesige Schritte nach vorn gemacht hat. Das kulturelle Angebot und der soziale Standard in dieser Stadt sind sehr hoch. Das scheinen auch immer mehr Einheimische so zu sehen, nur die Außenwahrnehmung hinkt leider etwas hinterher. Während Theater in anderen Städten auch von der Politik in Frage gestellt werden, ist das in Wolfsburg nie passiert. Das waren alles Gründe, warum ich nach Wolfsburg gegangen bin.“

Obwohl er sein neues Amt offiziell erst im August 2008 antrat, wirkte Steinkamp bereits in den Monaten zuvor an der Erstellung des neuen Spielplans mit.

„Einer der Höhepunkte damals war sicher die Aufführung der ersten beiden Teile des Wagnerschen ‚Rings‘, die einen der Schwerpunkte des Jahres bildeten.“ Doch es gab auch einige Anlaufschwierigkeiten. „Die Wolfsburger und ich mussten uns natürlich erst aneinander gewöhnen. Es gab einige Veränderungen, zum Beispiel in der Gestaltung der Abonnements oder des Programmheftes. An Silvester gab es plötzlich eine Veranstaltung, die über Mitternacht hinaus ging, dafür wurde das Neujahrskonzert nicht mehr am 1. Januar, sondern einige Tage später veranstaltet. Da erreichten mich einige unfreundliche Briefe. Aber das gehört bei einem solchen Job nun mal dazu, man steht in der Öffentlichkeit. Unterm Strich sind die Veränderungen, die wir so behutsam wie möglich eingeführt haben, gut angenommen worden. Als Beispiel sei das Kinder- und Jugendabonnement genannt. Ein gutes Zeichen ist immer, wenn die Leute glauben, dass es schon immer so gewesen ist. Dann ist eine Idee wirklich angekommen.“

»Ich würde gern komplexere Stücke aus anderen Theatern ins Programm nehmen.«

Zu Beginn konnten aber auch die Wolfsburger ihren Intendanten mit einer altbewährten Tradition überraschen. „Als ich den ersten Drehbühnenball organisierte, habe ich mich ein bisschen schwer getan, weil ich einfach nicht gern tanze“, gibt Steinkamp lachend zu. „Mittlerweile führe ich diese Veranstaltung aber sehr gerne durch, auch weil ich tolle Unterstützung von unseren MitarbeiterInnen bekomme.“ Wolfsburgs bekanntestes gesellschaftliches Ereignis war dann auch Ursprung einer besonders kuriosen Anekdote. „Auf der Unterbühne fand damals eine Disko statt. Der Raum wurde von den Besuchern  ‚Tuntenkeller‘ genannt, weil dort Männer in Frauenkleidern servierten. Nachdem ich in Wolfsburg begonnen hatte, änderte sich dort unten einiges am Konzept. Und schnell kam das Gerücht auf, ich hätte den ,Tuntenkeller‘ abgeschafft, weil ich zu prüde sei. Da musste ich doch lächeln. Abgesehen davon, dass aus meiner Sicht jeder nach seiner Façon Spaß haben soll, lag die Umgestaltung des Konzepts ausschließlich in der Verantwortung der handelnden Personen. Ich hatte damit überhaupt nichts zu tun.“

Ein Erfolg der letzten Jahre ist die gewachsene Kooperation mit dem Staatsorchester Braunschweig. „Das war am Anfang wirklich schwierig, es gab auf beiden Seiten einige Vorurteile. Aber das ist Geschichte, spätestens mit der Produktion von ‚Carmen‘, die erst in Wolfsburg und dann in Braunschweig lief.“

Neben besonderen Erlebnissen zählen für Steinkamp, der auch regelmäßig als Regisseur tätig ist, vor allem die Aussichten. Und die sind mit dem bald beendeten Umbau des Theaters mehr als rosig. „Technisch sind wir jetzt so aufgestellt, dass wir auch komplizierte Aufführungen hinbekommen, ohne ins Schwitzen zu geraten. In der Vergangenheit haben uns Produktionen wie Die Rocky Horror Show schon an Grenzen geführt. Ich würde gern komplexere Stücke aus anderen Theatern ins Programm nehmen. In dieser Hinsicht wird zukünftig sicherlich einiges passieren.“

Leider müssen sich alle Theaterfreunde noch ein wenig gedulden. „Derzeitiger Stand ist, dass die Umbauarbeiten im Plan liegen und im November abgeschlossen sein werden. Dann wird es sicher noch rund acht Wochen dauern, bis wir umgezogen sind. Ich rechne momentan mit den ersten Aufführungen im Januar oder Februar 2016. Vorausgesetzt, es funktioniert wirklich alles“, so Steinkamp, dessen Vertrag bis August 2018 läuft. Auf die Frage, ob er sich einen längeren Verbleib in Wolfsburg vorstellen kann, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Wenn man mich dann noch hier haben möchte, sehr gern.“

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Mehr Informationen unter
www.theater.wolfsburg.de