Im Nebel

Ein Gespräch mit Frank Rauschenbach,
Geschäftsführer des Hallenbades zum Artikel

Im Nebel

Nach 45 Ausgaben in fast neun Jahren wird der freischwimmer eingestellt. Eine schwere Entscheidung, die den wirtschaftlichen Folgen des Volkswagenbetrugs geschuldet ist und der Redaktion und den Verantwortlichen im Hallenbad nicht leichtfiel. Der Geschäftsführer Frank Rauschenbach blickt zurück.
Text: Anna Deileke   Foto: Ali Altschaffel

Frank Rauschenbach

 
Vor neun Jahren kam der erste freischwimmer heraus. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Als wir 2007 mit dem Hallenbad gestartet sind und ich gehört habe, dass wir ein Kulturmagazin für Wolfsburg herausgeben wollen, war ich damals noch Mitarbeiter und nicht Geschäftsführer und stand dem Projekt skeptisch gegenüber. Wir standen vor der großen Aufgabe, einen Kulturbetrieb mit Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. So ein Magazin ist doch schon etwas sehr Anspruchsvolles und ich hatte meinen Zweifel, dass wir das alles auf einmal schaffen. Im Nachhinein betrachtet war es eine kluge Entscheidung. Die Idee war großartig und es hat funktioniert.

Im freischwimmer wird immer eine Wolfsburger Persönlichkeit interviewt. Wer hat damals den Auftakt gemacht?
An der ersten Ausgabe haben viele Kreative mitgewirkt und von Anfang an wurde das Niveau des Magazins hoch angesetzt, sowohl in Sachen Layout als auch inhaltlich. Das erste Interview wurde mit Frau Dr. Maria Schneider in der Autostadt geführt. „Aus Liebe zum Menschen“ hieß die Überschrift. Ich selbst war bei dem Gespräch nicht dabei, kann mich aber daran erinnern, dass das erste Magazin schnell vergriffen war und wir positive Rückmeldungen auf diese Ausgabe erhalten haben. Für die Kulturszene in Wolfsburg war dieses erste Magazin ein wichtiger Meilenstein.

Über die Jahre gab es viele verschiedene Interviewpartner. Gab es Pleiten, Pech und Pannen oder besondere Erinnerungen an ein Gespräch?
Wir haben mit vielen interessanten Personen gesprochen, die großes Engagement in der Stadt zeigen oder etwas Spannendes zu erzählen hatten. Ich habe Klaus Allofs gut in Erinnerung, der war sehr offen und freundlich. Das Fotoshooting mit Herrn Muth im Wendelturm war etwas Ausgefallenes und ein Gespräch mit Herrn Rolf Schnellecke bei minus elf Grad Außentemperatur auf dem Rathausdach ist auch nicht zu vergessen.

Wie waren die Reaktionen der Leserschaft auf die Interviews?
Wir bekamen Lob und Kritik, die uns auf verschiedenen Wegen erreichte. Wir nahmen eine rege Teilnahme an den Gewinnspielen wahr. Und es gab in den neun Jahren sogar eine Geschichte, die es bis ins Fernsehen geschafft hat. Das war in der Ausgabe 28, der damalige Chefredakteur Nikolaus Hausser hatte ein Special zur Pendler-Thematik recherchiert, das in Wolfsburg für Gesprächsstoff gesorgt hat. Da stand auf einmal der NDR mit einem Kamerateam vor der Tür. Das war schon außergewöhnlich.

»In der jetzigen Situation sehe ich eine dicke Nebelwand. Ich hoffe, dass diese sich schnell wieder auflöst und wir einen klaren Blick bekommen.«


Neben dem Titelinterview gibt es im freischwimmer viele weitere Rubriken. Haben Sie eine Lieblingsseite?
Wolfsburger aus und in aller Welt ist eine Doppelseite, die nie langweilig ist und mir immer gut gefallen hat. Geschichten über Menschen, die aus verschiedenen Gründen ihre Heimat verlassen, sind für mich immer interessant, das haben wir versucht auf diesen Seiten herauszuarbeiten. Wolfsburg ist eine sehr internationale Stadt und durch diese Rubrik wird das positiv unterstrichen.

2016 wird der freischwimmer eingestellt. Wie kommt es zu dieser Entscheidung?
Auslöser ist die Abgaskrise, die durch Volkswagen verursacht wurde. Das hat zur Folge, dass die Finanzsituation in der Stadt Wolfsburg angespannt ist und in der Stadtverwaltung eine Haushaltssperre verhängt wurde. Alle Bereiche sind aufgefordert zu sparen – auch die städtischen Kulturinstitutionen. Der freischwimmer finanziert sich durch die Kooperationen mit Partnern aus der Kulturbranche. Ein Großteil dieser Partner hat eine weitere Zusammenarbeit aus finanziellen Gründen nicht zusagen können.

Und es gibt keine andere Lösung?
Zunächst nicht, wir haben verschiedene Lösungsansätze verfolgt, kommen aber zu keinem Ergebnis, das sich trägt. Das Bedauern liegt natürlich auf beiden Seiten. Die Partner sind sich bewusst darüber, dass diese Situation ein Rückschritt ist. Der freischwimmer war ein wunderbares Medium, über den eigenen Kulturbetrieb in der Öffentlichkeit zu berichten.

Das heißt, es wird nach dieser Ausgabe keinen weiteren freischwimmer geben?
Richtig, dies ist die letzte und einzige Ausgabe in 2016. In Bildern gesprochen hängt über der Stadt ein dicker Nebel und noch hat keiner den Blick dafür, welcher Weg der richtige ist. Wann sich der Nebel auflöst, weiß niemand. Und bevor man blind auf einen Abgrund zuläuft, bleibt zunächst alles stehen. Wir haben die Hoffnung, dass sich die Lage in 2016 klärt und die Prognose besser ausfällt als vorhergesagt. Vielleicht können wir dann irgendwann dort weitermachen, wo wir heute aufhören.

Was hat den freischwimmer so besonders gemacht und warum ist es schade, in Zukunft darauf verzichten zu müssen?
Wir haben wichtige Themen beleuchtet und Menschen zu Wort kommen lassen, die in dieser Stadt die kulturelle Entwicklung vorantreiben. Wir haben das Kulturprogramm gebündelt und auch die kleinen Institutionen hatten die Chance gehört zu werden. Das Magazin ist für den Leser kostenlos und erreichte mit seiner hohen Auflage viele Menschen in Wolfsburg. Die Informationen werden nun nicht mehr so fließen wie bisher.

Das Indigo-Magazin wurde Ende 2015 eingestellt, das DRUFF Wolfsburg ist vom Markt verschwunden, das WMG Magazin „Dein Wolfsburg“ wird 2016 von vier auf zwei Ausgaben reduziert – und nun trifft es den freischwimmer. Wird man da nicht wütend?
Wut ist nicht der richtige Ausdruck. Aber da gibt es dieses Unverständnis für das betrügerische und verantwortungslose Verhalten eines reichen Wirtschaftskonzerns. Hier wird ein Stück Kultur zerstört – und wir können nur dabei zuschauen. Hilflos und traurig passt da eher zur aktuellen Gefühlssituation. Es trifft mit uns und den Partnern ja auch die Kreativagentur, die Fotografen, die freien Mitarbeiter, die für uns arbeiten. Und auch die produzierende Druckerei. Alle verlieren einen wichtigen Auftraggeber.

Was bedeutet das für das Hallenbad direkt? Hat diese Entscheidung personelle Konsequenzen?
Die Chefredaktion war natürlich eine wichtige und zeitfüllende Aufgabe im Tagesgeschäft. Und da wir aufgrund der städtischen Sparmaßnahmen, die auch das Hallenbad betreffen, eine geplante Neueinstellung im Kleinkunstbereich nicht durchführen konnten, werden wir die freien Kapazitäten der Chefredakteurin für diese Aufgaben nutzen.

Den freischwimmer wird es 2016 nicht mehr geben, aber das Hallenbad mit seinen kulturellen Inhalten. Worauf freuen Sie sich in diesem Jahr?
Zunächst mal sind wir froh, dass es im Hallenbad kreativ weitergeht, auch wenn der Finanzplan noch immer nicht offiziell verabschiedet wurde. Wir werden allen Gästen in 2016 einen abwechslungsreichen Programmmix bieten. Daran halten wir fest. Aufgrund der Finanzsituation wird es allerdings etwas weniger Programm geben und die Preise werden an der ein oder anderen Stelle steigen. Wir freuen uns, auch wieder am Programm von Movimentos beteiligt zu sein. Außerdem erwarten wir eine spannende EM im Biergarten und werden auch die Lesetage veranstalten. Und wir schauen schon in Richtung 2017: Das Hallenbad feiert sein zehnjähriges Bestehen.

Zum Schluss eine allseits bekannte und viel gestellte Frage: Wenn Sie die Augen schließen und an Wolfsburg denken, was sehen Sie?
In der jetzigen Situation sehe ich eine dicke Nebelwand. Ich hoffe, dass diese sich schnell wieder auflöst und wir einen klaren Blick bekommen. Wir wissen mit Krisen umzugehen. Diese Stadt lebt und atmet mit Volkswagen und der Puls wird wieder nach oben gehen. Wenn ich an Wolfsburg denke, sehe ich eine dynamische Stadt, die sich rasant entwickelt. Es ist gut dabei zu sein. Auch an nebligen Tagen!