Zwischen Arduino
und Adrenalin

Die Phaenomenale erfindet sich neu zum Artikel

Zwischen Arduino und Adrenalin

Text: Nikolaus Hausser
Foto: Ali Altschaffel

Im Spannungsfeld zwischen Kultur und Wissenschaft: Zum sechsten Mal kehrt in diesem Spätsommer die Phaenomenale wieder. Das Art & Science-Festival entstand 2006 auf Initiative von Dr. Justin Hoffmann, dem Leiter des Wolfsburger Kunstvereins, und mit tatkräftiger Unterstützung von Dr. Wolfgang Guthardt, dem langjährigen Direktor des Phaeno, und seinen Mitarbeitern. Ein wiederkehrendes Highlight im Kulturkalender der Stadt war mit dem von Beginn an vielschichtigen Festival geboren – und eines mit überregionaler Strahlkraft.

Florian Wonneberger & Dr. Justin Hoffmann

 
Denkwürdig sind die vielen Konzerte im Phaenokrater, u.a. mit der Band „Die Sterne“, dem Songpoeten Peter Licht und Karl Batos, dem Ex-Mitglied der legendä­ren Mensch-Maschine Band „Kraftwerk“. Unvergessen auch die Ausstellungen im Kunstverein und im Phaeno, DJ-Sets und Vorlesungen in Satellitenorten wie der Autostadt, dem Hallenbad oder auch in Braunschweig, die das Festival zu einer lebendigen Plattform gemacht haben. Mittlerweile konzentriert man sich wieder ganz auf Wolfsburg, die regionale Strahlkraft bleibt indes – und das ist kein Wunder. Denn die Verbindung der auf den ersten Blick so unterschiedlichen Pole wie Kultur und Wissenschaft erzeugt eine ganz besondere Energie, eine Kraftentfaltung, die für beide Bereiche sehr fruchtbar ist.

Hier kommen Disziplinen zusammen, die sich scheinbar eher meiden und gleichsam enger zusammenhängen als gedacht. So war Kunst, Literatur, Kultur im Allgemeinen immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und hat die Auseinandersetzung mit ihr und ihrem technischen, ökonomischen und naturwissenschaftlichen Entwicklungsstand geradezu gesucht. So setzten sich viele Maler, Literaten und Filmemacher schon vor über 100 Jahren parallel zur Industrialisierung mit der Entfremdung des Menschen von der Natur durch die Errungenschaften der modernen Welt auseinander. Sie haben Bilder und Gedanken geschaffen, die den Menschen ihre Empfindungen und Gefühle erklärt und ihre Probleme wieder erkennbar und verständlich gemacht haben.

»Die Wissenschaft braucht die
Kultur nicht nur als Gegenpol
oder Zufluchtsort.«

Dabei waren die Künste nicht immer nur der romantische Rückzugsort des von der Moderne gepeinigten Individuums – viele Künstler und Schriftsteller haben früh erkannt, welche Möglichkeiten für die Menschheit im technischen Fortschritt stecken. Gleichzeitig braucht die Wissenschaft die Kultur nicht nur als Gegenpol oder Zufluchtsort. Denn in letzter Konsequenz soll die Wissenschaft und der Fortschritt immer dem Menschen dienen und muss von diesem steuerbar sein. Als Beispiel mag die Entwicklung der Atomkraft, der Atombombe dienen. Nicht alles, was möglich ist, muss für den Menschen auch gut sein, aber letztlich führen die meisten wissenschaftlichen Entwicklungen zu moralischen oder ethischen Fragen, die schlussendlich nicht mehr nur alleine von der Wissenschaft, sondern mit Hilfe der Kultur diskutiert und beantwortet werden wollen. Das kreative Denken von Künstlern und Literaten und ihre unkonventionellen Denkansätze sind seit einigen Jahren auch aus der Wissenschaft nicht mehr wegzudenken. Denn ein kluger Kopf, egal ob in Wissenschaft oder Kunst, macht seine Entdeckungen zumeist jenseits ausgetretener Pfade.

Getreu dieser Aufforderung zum unkonventionellen Denken ist das Motto der diesjährigen Phaenomenale: „Jeder Mensch ist ein Erfinder“. Es leitet sich ab von Joseph Beuys’ epochaler Aussage: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Der Satz, der in den 60er-Jahren durchaus einen revolutionären Charakter hatte, klingt dem ersten Anschein nach sehr viel einfacher als er ist. Denn natürlich ist nicht jeder ein Künstler, die meisten Menschen gehen eher „seriösen“ Tätigkeiten zum Broterwerb nach. Beuys sehnte sich wie viele seiner Zeitgenossen nach einer Demokratisierung der Künste, er wollte sie aus ihrem Elfenbeinturm entlassen und in die Mitte der Gesellschaft holen. Nicht ganz unähnlich verhält es sich mit Erfindungen.

Jeder könnte ein Erfinder sein, auch das ist eine Seite des technischen Fortschritts. Nie war er zugänglicher für eine so große Anzahl von Menschen als heute. Die Phaenomenale setzt an diesem Punkt an und soll vielfältige Anregungen und Einblicke in die Szene bieten. So wurde zum Beispiel der Erfinder des MP3-Formates eingeladen, man kann mit Arduino-Platinen (siehe unser aktuelles freischwimmer-Cover) eigene technische Erfindungen realisieren und mithilfe eines 3D-Druckers wird man sich selbst dreidimensional ausdrucken und als Statue mit nach Hause nehmen können. Das ist dann schon eine fast perfekte Umsetzung des Mottos „Jeder Mensch ist ein Künstler/Erfinder“.

Wer hat sich das Festivalmotto in diesem Jahr überlegt?
Dr. Justin Hoffmann (JH): Das kam dieses Mal von mir. Es ist eine Ableitung des bekannten Ausspruchs von Joseph Beuys: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. In der Transformation zu „Jeder Mensch ist ein Erfinder“ liegt auch etwas Naturwissenschaftliches. Und genau die Verbindung zwischen Kultur und Wissenschaft ist ja die Grundlage der Phaenomenale.

»Die neue Form des Erfindens
ist eine Selbstermächtigung
des Individuums.«

Geht es beim Festival um das Selbstmachen, das Heim- und Netzwerken, den Wert der Selbstschöpfung, digitale Ich-AGs à la Holm Friebe und Sascha Lobo, Internetplattformen wie Dawanda – es wird ja auch ein Preis für soziale Netzwerke vergeben – oder worum geht es?
Florian Wonneberger (FW): Natürlich spielen soziale Netzwerke eine große Rolle, aber es geht auch um Plattformen wie Arduino. Internetforen, auf denen Module und Bausätze zur Verfügung gestellt werden für den Do-it-yourself Einsatz. Mikrocontroller zu erschwinglichen Preisen, mit denen sich kleinere Roboter und so weiter bauen lassen. Arduino passt deshalb so gut zu uns, weil es sowohl an Kunsthochschulen als auch in Erfinderkontexten stark genutzt wird. Es wird einen Vortrag zu diesem Thema geben und wohl auch einen Workshop, damit sich die Festivalbesucher mit diesem Thema praktisch auseinandersetzen können.
JH: Das Thema ist nicht nur auf Arduino bezogen. Nach Fukushima gab es zum Beispiel eine Internetplattform, auf der sich Architekten zusammengefunden haben, um temporäre Architekturen für die Menschen nach der Katastrophe zu schaffen. Oder im Mathematikbereich: Heute sitzen an einer Problemstellung, an der früher nur ein Mathematiker gearbeitet hat, viele Mathematiker und lösen ein Problem gemeinsam.
FW: Es geht um neue Formen der Kooperation und die Open-Source-Idee – und die gibt es auch in anderen Kontexten.

So wie am Beispiel der Computersoftware Linux, an der im Gegensatz zu Produkten von Microsoft oder Apple jeder mitschreiben, das Wissen und die technischen Errungenschaften mitnutzen kann, ohne Geld dafür zu verlangen oder zu bezahlen?
JH: Genau. Das ist heute eine neue Ebene von Erfindungen. Früher waren Erfinder Einzelgänger, die in ihrem Keller jahrzehntelang geforscht haben. Oder es gab institutionelle Erfindungen, die durch offizielle Forschungsaufträge zustande kamen. Die neue Form des Erfindens jenseits des kollektiven Gedankens ist eine Selbstermächtigung des Individuums, das auch durch die neuen Mitteilungsmöglichkeiten des Internets und der Sozialen Medien seine Schöpfungen ganz anders verbreiten kann. Die Erfindungen stammen aus der Öffentlichkeit, sie schlummern nicht nur im Patentamt und sind wenigen gut ausgebildeten und ökonomisch abgesicherten Eliten zugänglich.

Sollen während der Phaenomenale auch Dinge erfunden werden, individuell oder auch im Kollektiv?
FW: Es wird einen vom Kulturwerk der Stadt Wolfsburg veranstalteten Arduino-Workshop geben, bei dem zwar aller Voraussicht nach keine komplexen Roboter entstehen werden, aber das ist auch nicht das vorrangige Ziel. Es werden vielmehr Möglichkeiten aufgezeigt, die das System bietet, und dabei werden ganz sicher auch kleinere Erfindungen entstehen.

Gibt es dann neben dem naturwissenschaftlichen auch einen künstlerischen Schöpfungsprozess, der Thema der diesjährigen Phaenomenale wird?
JH: Ja, zum Beispiel die Ausstellung zum „Social Media Art Award“, einem Preis, der im Schloss verliehen wird, für Kunst, die auf der Anwendung Sozialer Netzwerke basiert. Dieser Preis wird bei der Eröffnung der Phaeno­menale verliehen. Dabei handelt es sich nicht um einen Nachwuchs­preis, sondern um eine hoch dotierte Auszeichnung für das Feld der Neuen Medien, mit 10.000 Euro Preisgeld für den oder die GewinnerInnen. Dass dies ein außergewöhnlicher Preis ist, wird dadurch unterstrichen, dass er von Arte Creative präsentiert wird. Das internationale Magazin des Fernsehsenders versteht sich als Labor und Netzwerk für zeitgenössische Kultur. Wohlgemerkt haben wir nicht bei ihnen, sondern sie bei uns angefragt.

Wer macht das Festival, wer leitet es?
JH: Die Entscheidungen über die Programme und Inhalte werden vom Kuratorenteam Davy Champion, Dominik Essing vom Phaeno und Anita Placenti-Grau von der IZS erarbeitet und mit der Festivalleitung abgestimmt. Das Kuratorenteam kann man im Sinne des Festivalmottos durchaus als demokratisch bezeichnen.

»Wir wollen mehr Fluktuation
zwischen den Spielorten
ermöglichen.«

Zum sechsten Mal kehrt die Phaenomenale wieder und das im siebten Jahr des Bestehens. Klingt nicht so logisch, zumindest nicht, wenn man es als reines Wissenschaftsfestival sehen würde. Vielleicht ist das so etwas wie ein kultureller Widerhaken oder aber eine Denkpause?
JH: Wir haben schon festgestellt, dass der jährliche Rhythmus für uns sehr erschöpfend ist. Das Jahr ist immer so schnell rum (lacht) und außerdem findet das Festival statt im Winter im Spätsommer statt. Wir waren aus Recherchezwecken in Linz bei der Ars Electronica und haben festgestellt, wie schön das ist, wenn die Temperatur zum Flanieren anregt und man entspannt von Ort zu Ort gehen kann.

Ist deshalb Braunschweig nicht mehr dabei?
FW: Wir wollten das Festival örtlich komprimieren, auf die Stadt Wolfsburg konzen­trieren, mehr Fluktuation zwischen den Spielorten ermöglichen.

Was bringt der Stadt dieses Festival?
FW: Ich denke, dass die Phaenomenale sehr gut zu Wolfsburg passt, weil die Stadt jung, modern und sehr technologisch geprägt ist. Der „Social Media Art Award“, der im Schloss verliehen wird, ist ein völlig neuer Preis und das passt zum innovativen Charakter der Stadt.
JH: Ich würde nicht so ökonomisch argumentieren, sondern eher inhaltlich. In der Stadt gibt es viele technologische und kulturelle Potentiale und gerade der Gedankenaustausch ist doch für alle Beteiligten sehr spannend.

Auf welche Veranstaltungen, welche Acts freut ihr euch ganz besonders?
FW: Ich auf die Puppetmastaz, weil ich die schon kenne und sehr gespannt bin, wie ihr Konzept im Veranstaltungsort Phaeno funktioniert.
JH: Ich freue mich auch auf ein Konzert ganz besonders, nämlich das von Ricoloop. Er ist ein Künstler, den ich vom Boxhagener Platz in Berlin-Friedrichshain kenne, als ich noch dort wohnte. Das war so vor ungefähr zehn Jahren und immer der Höhepunkt, wenn man da auf dem sonntäglichen Flohmarkt war. Inzwischen ist er viel bekannter geworden und spielt vor sehr großem Publikum. Ricoloop sampelt live Geräusche, nimmt sie also auf, beatboxt und baut aus den gefundenen akustischen Fragmenten eigene Lieder auf – ein Prozess, der wirklich beeindruckend ist.

Zum Schluss noch die Frage an den langjährigen Festivalmacher: Wie erlebt bzw. überlebt man die Festivaltage in diesem verflixten siebten Jahr?
JH: Na ja, der Adrenalinspiegel ist schon sehr hoch und ich reagiere etwas empfindlich, wenn etwas nicht ganz so funktioniert wie gedacht. Trotzdem freue ich mich das ganze Jahr auf die Tage, weil man auf eine geballte Art und Weise viele künstlerische Momente erleben kann, an denen man gerne teilhat. Ganz wichtig ist es natürlich auch, zwischendurch gut zu schlafen. Insgesamt gehen die Tage aber immer ganz schnell vorbei, das ist schon okay (lacht).
FW: Schlimm wird es ja meistens danach (beide lachen).

Phaenomenale – Science & Art Festival
vom 12.09. bis 15.09.2013