Ein Kinderspiel

Im Gespräch mit Brigitte van Lindt und Andrea Haupt
über 25 Jahre Figurentheater zum Artikel

Karaoke, Barrikaden und Public Viewing

Hoffmann von Fallersleben auf 250 Quadratmetern – so viel Platz gab es, um den berühmten Dichter der Vormärzzeit in einer neu konzipierten Ausstellung erlebbar zu machen. Seit letztem Jahr präsentiert sich das kleine Dichtermuseum im Schloss Fallersleben in neuer Aufmachung.
Text: Annette Siemer   Foto: Peter Riewaldt

 
Der Museumsrundgang ist ein interaktives Hör-, Seh- und Lesevergnügen, der Hoffmann in seiner ganzen Wirkungsweise wiederauferstehen lässt. Doch wie bewertet das Publikum diese überraschend innovative Darstellung eines hochpolitischen Dichters, der in seinen Botschaften alles, nur nicht verstaubt ist? Museumsleiterin Dr. Bettina Greffrath blickt auf die letzten zwölf Monate seit der Eröffnung zurück.

Wie hat das Publikum die neue Ausstellung angenommen?
Dr. Bettina Greffrath (BG): Wir hatten eine Ahnung, dass das neue Konzept ankommen würde, aber wir wussten nicht, ob unsere Rechnung wirklich aufgeht. Inzwischen waren bereits mehr als 17.000 Besucher da. Unser Anspruch war es, den Dichter einem breiten und vor allem jungen Publikum nahezubringen. Deshalb berücksichtigt die Konzeption die heutigen Seh- und Rezeptionsgewohnheiten. Die Texte sind kurz gehalten und die Ausstellung hat einen starken Angebotscharakter. Alles sollte möglichst unterhaltsam sein und mit viel Atmosphäre. Das ist gelungen.

Viele Angebote laden zum Mitmachen und ausprobieren ein. Gibt es Berührungsängste?
BG: Wir sind immer wieder begeistert, wenn wir beobachten, wie Besuchergruppen zum Beispiel an der Karaoke-Station mit Hingabe Hoffmann-Lieder singen. Da will jeder Mal drankommen, auch die Älteren. Anfangs waren wir skeptisch, ob denn die Fülle von 170 Liedern in der Hörinsel überhaupt interessieren würde. Jetzt sitzen ganze Familien hier und jeder hat bald ein Lieblingslied aus Hoffmanns Feder.

Im Eingangsbereich der Ausstellung finden die Gäste Erinnerungen an die Fußball-WM 2006. Was hat Hoffmann von Fallersleben damit zu tun?
BG: Uns war wichtig, immer Brücken zur Gegenwart zu schlagen. Und das ist gleich im ersten Raum der Fall, wo es um den Umgang mit den Symbolen der Nation geht. Anders als zu Hoffmanns Zeiten waren bei uns nationale Symbole regelrecht verpönt. Mit der WM 2006 schwenkten plötzlich alle euphorisch ihre Fähnchen und sogar die Nudeltüte war schwarz-rot-gold. Wir haben die tollsten Dinge zu einem Wandbild arrangiert. Dieses Sammelsurium ist die Tür, die hinein in die Zeitreise durch die Gegenwart des Dichters führt. Die Besucher spüren sofort: Hier geht es nicht um eine distanzierte Dichterverehrung, sondern um die Frage, was uns die Lebensgeschichte und das Werk Hoffmanns heute noch bedeuten kann.

»Jetzt sitzen ganze Familien hier und jeder hat bald ein Lieblingslied aus Hoffmanns Feder.«

Hoffmann hat unermüdlich publiziert. Wer mehr erfahren will, braucht nur all die vielen Schubfächer aufzuziehen und kann lesen, lesen, lesen. Interessiert das noch?
BG: Wie intensiv gelesen wird, haben wir gemerkt, als uns gleich schon die ersten Tippfehler mitgeteilt wurden. Aber das sind ja alles auch nur Angebote – etwas mitnehmen kann der Besucher auch, ohne viel zu lesen.

Welcher der Ausstellungsräume ist denn Ihr Lieblingsraum?
BG: Jeder Raum hat seinen eigenen Reiz und spricht auf seine Weise zu einem. Trotzdem gefällt mir der Raum mit der Barri­kaden-Installation besonders gut. Sie drückt schon durch ihre Architektur aus: Die Freiheit ist unterdrückt und es herrscht strenge Ordnung, dann folgt das Durcheinander der Barrikaden, die Revolution, und danach die Restauration.

Würden Sie mir mal etwas aus dem Gästebuch vorlesen?
Also, hier schreiben zum Beispiel Gäste: „Ein Quantensprung, das neue museumsdidaktische und pädagogisch hervorragend gestaltete Konzept.“ Und: „Marion + Oma waren auch hier und fanden es ganz toll!!“ Solch eine Resonanz freut uns total.

Was sollen die Leute am Ende dieser Zeitreise mitnehmen?
Uns war wichtig, dass die Leute mit einem Lächeln rausgehen, oder vielleicht auch mit einem ernsten Gedanken über unsere Demokratie: „Mensch, ich könnte mich doch auch mal in den Stadtrat wählen lassen.“ Das wäre das Optimum.

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Der Eintritt ins Museum ist kostenlos.

Weitere Informationen unter
www.wolfsburg.de/kultur/museen/hoffmann-von-fallersleben-museum