Die Kunst, Welten zu entdecken

Im Gespräch mit Dr. Ralf Beil, dem neuen Direktor
des Kunstmuseums Wolfsburg zum Artikel

Mit der Bibliothek auf dem Sofa

Text: Annette Siemer
Foto: Ali Altschaffel

Wo bitte geht es in die virtuelle Welt der digitalen Medien? Gehen Sie doch einfach mal in die Stadtbibliothek im Alvar-Aalto-Kulturhaus. Jenseits der endlosen Bücherregale und der Stille der Leseräume tut sich dort die unsichtbare Welt der digitalen Medien auf: E-Books, Hörbücher, internationale Zeitungen und Zeitschriften, Musik zum Streamen, Datenbanken und Enzyklopädien.

Das Team der Stadtbibliothek ist auf dem neuesten technischen Stand

 
250.000 konventionelle Titel, 10.000 online verfügbare Medien und 13 Prozent digitale Nutzer – noch ist die virtuelle Welt klein. Doch das soll sich ändern. „Wir wollen dieses wunderbare Medium für das Publikum sichtbar machen. Es ist eine großartige Ergänzung zum klassischen Angebot und keine Leserschaft geht leer aus“, sagt die Bibliotheksleiterin Petra Buntzoll.

Die Bibliocard ist die Eintrittskarte in die physische und digitale Bücherwelt der Stadtbibliothek. Passwort, Onleihe-App und Henry Kissingers „Weltordnung“ oder „Kinder der Freiheit“, der neueste Bestseller von Ken Follett, sind für 21 Tage auf Handy, Tablet oder E-Book-Reader verfügbar – ohne einen Fuß in die Bibliothek gesetzt zu haben. „Und wenn ich in Südspanien in der Sonne sitze, kann ich dort bequem weiterlesen“, schwärmt die stellvertretende Bibliotheksleiterin Annette Rugen, die zusammen mit Hans-Josef Menzel das Onleihe-Projekt betreut.

Ein lukratives Angebot, vor allem in Anbetracht der Kosten: Die Bibiliocard kostet jährlich 15 Euro – und da ist alles mit drin. „Damit hat die Stadtbibliothek 24 Stunden an sieben Tagen die Woche geöffnet“, bringt es Uwe Nüstedt, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, auf den Punkt. „Das wissen bloß viele nicht.“

In der Wolfsburger Stadtbibliothek ist man stolz auf die Bandbreite des digitalen Angebotes, das eben nicht nur aus den E-Book-Bestsellern besteht. Da wäre zum Beispiel die große internationale Zeitungsdatenbank „Library-Press-Display“ mit 3.000 Zeitungen aus 90 Ländern in über 60 Sprachen. 45 italienische Zeitungen, 45 spanische, 55 türkische, 22 ukrainische, 19 thailändische … „Ein fantastisches Instrument, um sich ein umfassendes Bild der politischen Ereignissen zu machen“, sagt Annette Rugen.

Nichts gegen Wikipedia, aber wer ein Referat für die Schule oder die Uni schreibt, darf das freie Online-Lexikon nicht als Quelle nutzen. Die Alternative heißt „Munzinger-Archiv“, ein gigantischer Schatz an Informationen aus vielen Wissensbereichen. Kindler-Literaturlexikon, Duden-Werk, Brockhaus oder die berühmte Britannica Library, die einen wahren Informationskosmos jenseits von Wikipedia erschließt – alles direkt vom Sofa aus zu haben.

»Wir wollen dieses wunderbare Medium für das Publikum sichtbar machen.«

Bei dem „Monster-Angebot“ der „Naxos-Library“, dessen Herzstück die klassische Musik mit über 100.000 CDs zum Streamen ist, kommt die Leiterin der Musikbibliothek, Judith Slembeck, ins Schwärmen. „Sie können sich eine eigene Sammlung anlegen, in die Neuerscheinungen reinhören und sich Booklets anschauen“, sagt sie. Einzige Voraussetzung: eine gute Internetverbindung. Als besonderen Service bietet die Stadtbibliothek begleitend zu den Konzerten am Wolfsburger Theater eine Musikliste an. Da kann man vorab schon mal ins Konzert reinhören.

Und was gibt es für Kinder? Zum Beispiel das interaktive Bilderbuchkino „onilo.de“ mit liebevoll animierten Geschichten für Kinder im Alter von eins bis zehn oder die „Antolin“-Bücher mit hinterlegten Fragen, die die Kinder am PC beantworten können. Oder „Tip-Toi“ – Bücher, die man mit einem speziellen Stift zum Sprechen bringen kann. „Das lieben Kinder“, sagt Uwe Nüstedt.

Dass sich Computerspiele wunderbar dazu eignen, alle Altersgrenzen einzureißen, auch das erlebt man in der Stadtbibliothek. „Spielend lernen, lernend spielen“, so das Motto. Bei den regelmäßig stattfindenden gemeinschaftlichen Computerspielen lernen Erwachsene von Kindern und umgekehrt.

Berührungsängste mit E-Book und Co.? In der Stadtbibliothek räumen die Mitarbeiter alle Hürden aus dem Weg. Dank Smartphone-Schule, E-Book-Sprechstunde und Beratung kann jeder mit der neuesten Entwicklung Schritt halten. Die viel beklagte digitale Spaltung – in der Stadtbibliothek wird sie überwunden. „Im Geschäft wird man so gut beraten, dass man etwas kauft. Wir hingegen beraten so gut, dass Sie wissen, wie es praktisch funktioniert“, sagt die Bibliotheksleiterin. Und Annette Rugen fügt hinzu: „Wir sind die Brückenbauer zwischen der analogen und der digitalen Welt. Diesen Weg gehen wir gemeinsam mit unseren Kunden. Natürlich haben auch alle mit analogen Wünschen weiterhin bei uns ihren Platz.“