Auf Bildung bauen

Im Gespräch mit Julia Leusmann und Friederike Jörke
über das neue Bildungshaus zum Artikel

Auf Bildung bauen

„Wir wollen wissen“ lautet die Kampagne des Bildungsbüros der Stadt Wolfsburg. Seit Anfang des Jahres sind die blau-weißen Plakate mit den Sprechblasen und Kulleraugen im Stadtbild kaum zu übersehen. Am Südkopf ist eine ganze Hausfassade in blau gestrichen und kündigt an: „Wolfsburg baut genau hier ein Bildungshaus“. Was ist ein Bildungshaus, für wen wird es gebaut und wie sieht es aus? Diese Fragen beantworten Friederike Jörke und Julia Leusmann, die gemeinsam für die Stadt Wolfsburg am Bildungsprojekt arbeiten.
Text: Anna Deileke   Foto: Ali Altschaffel


Sie sind in zwei unterschiedlichen Stabsstellen der Stadt Wolfsburg an dem Projekt Bildungshaus tätig. Würden Sie sich unseren Lesern kurz vorstellen?

Julia Leusmann (JL): Gerne. Ich bin Planerin und leite seit 2012 die Stabsstelle für Sonderplanungen und Projektsteuerung, angegliedert am Dezernat von Stadtbaurätin Monika Thomas. Ich bündele das Expertenwissen und die Interessen aus den Bereichen Hochbau, Grün, Verkehr und Stadtplanung bei besonderen Projekten. Die Bauvorhaben in der Stadt haben zugenommen und werden komplexer, zudem sind sie interdisziplinär, da bedarf es einer guten Steuerung. Insbesondere beim Projekt Bildungshaus, weil es sich hier um ein neues visionäres Konzept handelt, das es in Deutschland so noch nicht gegeben hat.
Friederike Jörke (FJ): Während Julia sich um die „harte Materie“ kümmert, bin ich für das inhaltliche Konzept verantwortlich. Ich bin die Bauherrenvertreterin der Nutzer und finde gemeinsam mit den Institutionen Bedarfe und Anforderungen des neuen Gebäudes heraus. Hier geht es vor allem um den Aufbau einer Organisationsstruktur und die inhaltliche Nutzung. Ich sitze im Bildungsbüro und arbeite für Iris Bothe im Strategischen Bildungsmanagement – eine recht junge Stabsstelle, die 2013 geschaffen wurde.

Wer wird denn das Bildungshaus nutzen?
FJ: Die Idee zum Bildungshaus ist 2010 entstanden und in den letzten fünf Jahren gewachsen. Verschiedene Akteure der Wolfsburger Bildungslandschaft haben damals in einem Workshop ein gemeinsames Bildungsverständnis für die Stadt entwickelt und daraus ist die Idee zum Bildungshaus entstanden. Ein Ort, an dem sich alle Wolfsburger ungezwungen treffen, frei bewegen und gemeinsam lernen und weiterbilden können.
JL: Anfangs sollte hier für die Neue Schule eine Oberstufe geschaffen werden, aber auch die Volkshochschule sah sich räumlich am Südkopf. Es stellte sich heraus, dass das Medienzentrum dringend neue Räume benötigt, zentraler und sichtbarer für die Zielgruppen. Hinzu kommt die Stadtbibliothek, die zurzeit zwar ein sehr schönes Gebäude hat, aber deren Räumlichkeiten nicht mehr ausreichend und zeitgemäß sind. Wir haben also vier Nutzer mit unterschiedlichen Angeboten und Interessen.

Zwei städtische Dezernate und vier Nutzer, darunter eine Schule, das hört sich kompliziert an. Wie kamen Sie auf einen gemeinsamen Nenner?
FJ: Es war kräftezehrend, aber mit einem tollen Ergebnis. In zwölf ganz- und mehrtägigen Workshops haben wir alle Bedarfe gebündelt, neue Ideen und eine Struktur entwickelt, die es ermöglichen, den künftigen Besuchern und Gästen des Bildungshauses ein Gesamtangebot zu präsentieren. Das Bildungshaus ist nicht nach Institutionen strukturiert, sondern nach übergreifenden Themenbereichen.
JL: Die Menschen suchen heutzutage nach öffentlichen Orten, an denen sie sich treffen können, zum Austausch, zum Lernen, ganz unverbindlich, ohne Eintrittspreise oder Verzehrzwang. Ins Bildungshaus kann der Besucher sein Butterbrot und Tee mitbringen. Schüler, Studenten, Eltern, Lehrer, Kreative, Künstler, Wolfsburger Bürger aus allen Schichten und in allen Lebenslagen haben die Chance das Angebot zu nutzen.

Das klingt sehr visionär. Gibt es dieses gemeinsame Verständnis der verschiedenen Institutionen tatsächlich?
Beide: Jetzt ja! (lachen)
FJ: Dieses Projekt ist einzigartig in Deutschland und basiert auf ganz jungen Konzepten. Wir werden in der Konzeptentwicklung wissenschaftlich begleitet und die Institutionen arbeiten schon jetzt sehr eng zusammen. Da konnte sich mit der Zeit ein gemeinsames Verständnis etablieren, hinter dem alle stehen.

Und was genau wird im Bildungshaus geboten?
FJ: Bildung ist für die Attraktivität des Standorts Wolfsburg und für unsere heutige Wissensgesellschaft ausgesprochen wichtig. Wir haben keine andere Ressource außer unserem Hirn – Bildung ist cool! Im Bildungshaus soll es allen Menschen ermöglicht werden zu lernen, sich zu bilden – und das im gemeinsamen Austausch.
JL: Das Herzstück bildet ein Marktplatz. In diesem Bereich herrscht lebendiges Treiben, hier wird der Besucher empfangen, es gibt einen Veranstaltungsbereich und eine Gastronomie. In der Zone „Digitales Leben“ gibt es Computerplätze, eine Gaming Zone und weitere Multimediaangebote.
FJ: Ein Selbstlernzentrum und eine Lernberatung sind ein weiterer Bestandteil des Konzeptes. Dem Thema Kinder und Familien wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es gibt eine Eventfläche, Spielecken, Wickeltische und Kinderwagenstellplätze. Auch Jugendliche bekommen einen neuen Ort, an dem sie sich treffen, lernen und kreativ werden können. Wir planen ein Film- und Tonstudio und eine innovative Buchverwaltung, die es ermöglicht Bücher auch nachts zurückzugeben. Selbst ein Kochstudio findet Platz im Bildungshaus.

Und das alles wird frei zugänglich und kostenlos sein?
FJ: Der Eintritt in das Bildungshaus ist kostenlos und für alle Menschen der Stadt zugänglich – in Teilen sogar nachts! Es wird nach wie vor Angebote geben, bei denen eine Anmeldung erforderlich ist, auch für die Buchausleihe muss man sich registrieren. Natürlich ist das gastronomische Angebot nicht kostenlos, aber wer keinen Computer hat oder gerne mal ein Buch lesen will, kann beides innerhalb des Hauses ohne Gebühren nutzen.

Noch ist alles eine zu Papier gebrachte Idee. Was geschieht nun, was sind Ihre Aufgaben und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?
FJ: Wir sind die Katalysatoren und Kommunikatorinnen des Projekts. Inhaltliche Themen bearbeite ich gemeinsam mit den Nutzern, die Gebäudethemen bespricht Julia mit den Kollegen aus dem Baudezernat. Nachdem das Nutzerkonzept 2012 stand, haben wir alle gemeinsam den Planungswettbewerb für das Bildungshaus vorbereitet.
JL: Das Besondere dabei ist, dass es sich um einen offenen Wettbewerb handelte. 450 Architekturbüros europaweit haben die Ausschreibungsunterlagen angefordert. Davon haben 112 einen Entwurf eingereicht – alles anonym und unentgeltlich. Wir wussten bis zum Ende nicht, welche Büros sich hinter den Entwürfen verbergen.

Und Sie mussten aus den Entwürfen auswählen?
JL: Zum Glück nicht (lacht). Wir haben uns die Entwürfe gemeinsam mit den Nutzern und den Kollegen aus den Fachämtern angeschaut und die Planungen geprüft – entscheiden war nicht unsere Aufgabe. In der ersten Phase hat dann eine rund 20-köpfige Jury aus Vertretern der Politik und Fachleuten die Entwürfe selektiert. Hier ging es darum, ob die Architekten das Konzept verstanden hatten und die Anforderungen erfüllt waren. Nach der ersten Runde blieben 22 Entwürfe in der engeren Auswahl und wurden anschließend ausgearbeitet.
FJ: Dann haben wir etwas Untypisches gemacht. In Runde zwei, noch vor der eigentlichen Preisvergabe, haben wir zu einer Bürgerbeteiligung aufgerufen. In einer Ausstellung durften die Wolfsburger eine Woche lang alle 22 Entwürfe begutachten und bewerten. Positive und negative Eigenschaften zu jedem Objekt wurden gesammelt. Rund 850 Menschen nahmen diese Gelegenheit wahr: Darunter Schüler aller Jahrgänge und Schulzweige, Multiplikatoren der Stadt, Stadtteilmütter und Personen aus Kulturzentren und Vereinen der Stadt. Alle Teilnehmer haben sich verpflichtet, die Entwürfe vertraulich zu behandeln und der Jury dabei geholfen eine Entscheidung zu treffen.

Wie war das Feedback der Bürger?
JL: Die Wolfsburger wollen etwas Besonderes – schlichte und zurückhaltende Entwürfe wurden tendenziell eher zurückgestellt. Spannend zu beobachten war, dass die Entwürfe mit der meisten Aufmerksamkeit am stärksten in den Argumenten polarisierten. Wie Meinungen eben so sind: Komplett unterschiedlich und individuell. Aber alle Teilnehmer waren froh nicht entscheiden zu müssen, denn jeder hat durch dieses Verfahren gelernt, wie komplex und vielschichtig dieses Projekt ist.
FJ: Insgesamt waren die Teilnehmer dankbar, dass sie ihre Meinung kundtun durften. Viele kamen ein zweites Mal und brachten weitere Freunde und Familienmitglieder mit. Immerhin hatte man hier die Chance die eigene Stadt und Heimat mit zu gestalten. Das wurde uns sehr wertschätzend zurückgespiegelt.

»Wir haben keine andere Ressource außer unserem Hirn – Bildung ist cool!«

Gewonnen hat der Entwurf des finnischen Architekten Esa Ruskeepää. Warum dieser Entwurf?
FJ: Nach der Bürgerbeteiligung vergab die Jury drei zweite Plätze und vertagte die Entscheidung. Alle drei Architekten bekamen die Chance den Entwurf zu überarbeiten. Wir hatten dann die Möglichkeit, die Architekten und jeweiligen Teams kennenzulernen. In diesem Zuge konnten Fragen beantwortet und Unklarheiten beseitigt werden. Erneut wurden an einem Tag die Bürger aufgerufen, die drei überarbeiteten Entwürfe zu bewerten. Es kamen 250 Wolfsburger.
JL: Das Rennen hat dann der finnische Entwurf gemacht. Hier spielen natürlich viele fachliche Argumente eine Rolle. Das Gebäude wirkt komplex und expressionistisch – ist es aber nicht! Es ist simpel, hat eine einfache Statik, es gibt keine Spezialbauteile, sondern vielmehr eine Anordnung von Quadraten und Rechtecken. Alles einfach und logisch – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Die vier Kuben – zwei große und zwei kleine – und die abgeschrägten Dachformen passen wunderbar in die bestehende Landschaft. Es ließe sich später im Inneren sogar verändern, wenn sich Anforderungen oder das Nutzerkonzept wandeln. Das Gebäude ist einfach herrlich flexibel. Wir glauben, dass Esa Ruskeepää unser Konzept verstanden hat. Seine Ideen für die einzelnen Zonen im Gebäude spiegeln unsere Gedanken.

Das klingt individuell und wunderbar. Wann wird gebaut und was kostet es?
(Beide lachen.)
JL: Wenn das so einfach wäre. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nur überschlägig herangehen. Sie müssen bedenken, dass der Architekt lediglich eine grobe Planung entwickelt hat, ohne jemals mit einem Nutzer oder dem Auftraggeber gesprochen zu haben. Erst jetzt bekommt er von uns einen Auftrag für eine Vorplanung, die am Ende zu einer genaueren Kostenschätzung führt. Das dauert rund ein Jahr. Eine verbindliche Summe können wir Ihnen zurzeit nicht nennen. Momentan können wir ganz grob anhand des Volumens rechnen: Wir wollen eine Bruttogrundfläche von 16.500 Quadratmetern realisieren. Nach der Vorplanung folgen die Entwurfsplanung, der Objektbeschluss, der Bauantrag, die Baugenehmigung und dann erst der Baustart. Wenn alles gut läuft, starten wir noch 2018. Bis dahin haben wir viel zu tun.

»Der Eintritt in das Bildungshaus ist kostenlos und für alle Menschen der Stadt zugänglich –
in Teilen sogar nachts!«

Beim Phaeno hat man sich mehrfach verrechnet. Wie schließen Sie aus, dass so ein Fehler erneut passiert?
JL: Sie treffen einen wunden Punkt, der bundesweit häufig – und das nicht zu Unrecht – thematisiert wird. Wir sind an dieses neue Projekt besonders sorgfältig herangegangen und haben unser Vorgehen von Anfang an sehr transparent kommuniziert und alle Beteiligten mit ins Boot geholt. Mit der Bürgerbeteiligung wollen wir außerdem eine Akzeptanz des Projektes in der Bevölkerung erzielen. Wir legen viel Wert auf die Planung. Mit jedem Tag, den wir sorgsam planen, sinkt das Fehlerrisiko. Vor allem aber ist dieses Gebäude baubar und nicht experimentell konzipiert.
FJ: Sie dürfen auch nicht die Projekte der Stadt vergessen, die erfolgreich im Kostenrahmen realisiert wurden. Unser Ziel ist es, ein schönes, funktionales und bezahlbares Bildungshaus zu errichten, das von der Bevölkerung angenommen und erfolgreich genutzt wird. Das ist unsere Aufgabe, und die bereitet uns täglich viel Abwechslung und Freude.

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