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Ein Gespräch mit dem Wolfsburger Tätowierer
Oliver Fiedler zum Artikel

Erinnerung und Vergänglichkeit

Text: Rita Werneyer

„Es ist keine Melancholie, sondern Glück, wenn du den Tod akzeptierst. Es macht jeden Moment größer, wichtiger und glücklicher.“
Christian Boltanski

Geist(er), 2013, Installationsansicht der Ausstellung „Christian Boltanski – Bewegt“ im Kunstmuseum Wolfsburg, Bedruckte Textiltücher, Transportsystem, Ventilatoren, 16 x 40 x 40 m.
© VG Bild-Kunst, Bonn 2013, Foto: Marek Kruszewski.


Erinnerung und Vergänglichkeit sind die großen Themen Christian Boltanskis (*1944 in Paris). Seit Jahrzehnten hat er wie kein anderer Künstler im internationalen Kontext den Zusammenhang von Leben und Tod bearbeitet – das Verschwinden des Einzelnen und das verzweifelte Bemühen der Menschen gegen das Vergessen und Vergessenwerden. In den letzten Jahren tritt bei Boltanski mehr und mehr der Tod in das Zentrum seiner Arbeit und er thematisiert dabei zunehmend seine eigene Person und die Restzeit seines Lebens. Seine speziell für das Kunstmuseum Wolfsburg entwickelte Großinstallation und die ergänzenden Arbeiten spitzen dieses in unserer Gesellschaft nach wie vor tabuisierte Thema zu und verleihen ihm eine stille Eindringlichkeit und Würde. Im Zentrum der Ausstellung „Bewegt“ steht eine großdimensionale Installation mit dem Titel „Geist(er)“, die die mechanische Bewegung miteinbezieht. Sie schließt an seine monumentalen Installationen „Personnes“ im Grand Palais 2010 in Paris und „Chance“ im französischen Pavillon bei der Biennale von Venedig 2011 an. Die Ausstellung „Bewegt“ im Kunstmuseum Wolfsburg ist die seit 20 Jahren umfassendste Ausstellung mit Werken Christian Boltanskis im norddeutschen Raum.

Das Museum besitzt in seiner Sammlung das für den Künstler „entscheidende“ Werk „Menschlich“ aus dem Jahre 1994. In diesem zentralen Archiv des Boltanskischen Kosmos hat der Künstler 1200 Fotografien seiner 1970 bis 1994 entstandenen Porträtinstallationen zusammengeführt: Menschen verschiedenen Alters, Geschlechts, sozialen Status sowie unterschiedlicher Herkunft, Religion und Nation, aber auch Täter und Opfer. Die Fotos stammen u.a. aus vorgefundenen Fotoalben und Polizeiarchiven und wirken ob ihres Alters und ihrer Herkunft verblichen, wie aus einer anderen Zeit. Wer von diesen Personen noch lebt, ist unsicher. Einer aber lebt sicher noch: Christian Boltanski, der sich selbst eingereiht hat in dieses Meer von einstmals gekannten und heute zumeist anonymen Individuen.

190 dieser Portraits hat der Künstler nun in Wolfsburg aus dem Archiv „Menschlich“, das ebenfalls Teil der Ausstellung ist, herausgenommen, auf großformatige transparente Tücher gedruckt und zu einer neuen kinetischen Arbeit mit dem Titel „Geist(er)“ zusammengeführt. Die Ausstellung trägt den beziehungsreichen Titel „Bewegt“ und knüpft an frühere Projekte Boltanskis wie „Menschlich“, „Sachlich“, „Örtlich“ und „Sterblich“ an.

Christian Boltanski – Bewegt
bis 21. Juli 2013
Steve McCurry – Im Fluss der Zeit
bis 16. Juni 2013

Weitere Informationen finden Sie unter