Schüsselerlebnis

An welchen Orten der neue Phaeno-Chef Michel Junge Inspirationen findet und warum er den Hadid-Bau für
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2005 Phaeno Science Center

Text: Nicole Froberg
Fotos: Ali Altschaffel

„Wer die Häuser kennt, die Hadid gebaut hat (…) der weiß, was Wolfsburg nun erwartet: Ein radikales, kompromissloses, atemberaubendes Haus, mehr Skulptur als Behausung, mehr außerirdisches Wunderding als ästhetische Quersumme aller Trends.“
Aus: „Generation Golf. Die Architektin Zaha Hadid baut das Wolfsburger Science Center“, Süddeutsche Zeitung vom 24.01.2000

 
Willy-Brandt-Platz 1
Architekten: Zaha Hadid, London und Mayer & Bährle, Lörrach
Wettbewerb: Januar 2000, Einweihung: November 2005

Schon beim Wettbewerb hat der Bau von Architektin Zaha Hadid international für Aufsehen gesorgt. Der markante Baukörper soll Interesse wecken, Architektur als Markenzeichen ist das Thema. Die Form ist einzigartig und so muss sich manches Detail unterordnen. In seiner plastischen Qualität und der innovativen Technologie kann sich der Bau aber sehr wohl mit den Meisterwerken Alvar Aaltos und Hans Scharouns messen.

Die eigentliche Experimentierfläche scheint auf zehn frei geformten „Füßen“ über dem Straßenniveau zu schweben, darunter liegt ein öffentlicher Platz zwischen Werk, Autostadt und dem Stadtzentrum im Süden. Beide Teile des Gebäudes gehören zusammen wie ein Gussstück zur Gussform. Die plastisch gestaltete Innenwelt drückt sich nach außen ab und erzeugt die Form der Halle unter dem Gebäude – oder umgekehrt. Der faszinierende Ort ist einzigartig, weder klassischer Innen- noch Außenraum.

Als Material der Gebäudeskulptur wurde ein Sichtbeton gewählt, der sich durchlaufend über Decken, Wände und Böden erstreckt und den Bau mit dem umgebenden Gelände verschmelzen lässt. Die Errichtung eines solchen Gebildes ist eine ebenso statische und konstruktive wie gestalterische Leistung. Die ungewöhnlichen Geometrien mit bis zu 40 Grad geneigten Wänden und einem Tragsystem, das die gesamte Last des Gebäudes über die geringen Wandflächen der Kegelfüße ableiten muss und sich in komplizierten Stahlbewehrungen niederschlägt, machten unter anderem den Einsatz eines neuartigen „selbstverdichtenden Beton“ erforderlich. Dünnflüssig wie Honig fließt dieser Beton in jeden Winkel der Brettschalung, ohne dabei gerüttelt zu werden.

Im Inneren, in sieben Metern Höhe, erstreckte sich die Welt der Experimente auf einer Fläche von fast 5.000 Quadratmetern, die zunächst viel kleiner erscheint und vom Besucher erst entdeckt werden will. Krater, Höhlen, Terrassen und Plateaus sind zu einer Raumfolge verknüpft, die mit geschickten Durchblicken arbeitet. Die Architektur ist gebaute Bewegung, gebauter Forscherdrang.